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Von der Heydt-Museum Wuppertal: Neue Sicht auf Degas & Rodin

Von der Heydt-Museum Wuppertal : Neue Sicht auf Degas & Rodin

Museumsdirektor Gerhard Finckh spricht über ihre Gemeinsamkeiten, den Andrang im Museum und gedämpftes Licht.

Herr Finckh, wie sind Sie auf die Idee gekommen, als erster Edgar Degas und Auguste Rodin in einer Ausstellung zusammenzubringen?

Edgar Degas hat zahlreiche Bilder immer wieder verändert: Diese „Zwei Tänzerinnen“ waren ursprünglich drei. Doch die dritte hat der Maler am rechten Bildrand abgeschnitten und stattdessen links ein Stück Papier drangesetzt, um den Armbewegungen mehr Raum zu verschaffen.
Edgar Degas hat zahlreiche Bilder immer wieder verändert: Diese „Zwei Tänzerinnen“ waren ursprünglich drei. Doch die dritte hat der Maler am rechten Bildrand abgeschnitten und stattdessen links ein Stück Papier drangesetzt, um den Armbewegungen mehr Raum zu verschaffen. Foto: Von der Heydt-Museum Wuppertal

Gerhard Finckh: Beide haben im späten 19. Jahrhundert in Paris gelebt und sich gekannt, beide sind 1917 gestorben — und beide sind große Neuerer ihrer Kunst gewesen. Als Kunsthistoriker lebt man ja generell von Vergleichen — der Künstler, der Epochen, der Landschaften. Ein Klassiker ist der Vergleich von Rembrandt und Rubens, die in Holland und Flandern gelebt haben, nur etwa 200 Kilometer voneinander entfernt. Gerade im Vergleich erkennt man die unterschiedlichen Blicke der Künstler auf die Welt und entwickelt selbst als Dritter einen eigenen Blick.

Auch der Bildhauer Auguste Rodin war ein Freund des Non-Finito (Nicht-Vollendeten) und verwendete Teile seiner Skulpturen mehrfach: „Johannes der Täufer“ wird ohne Kopf und Arme zum „Schreitenden“.
Auch der Bildhauer Auguste Rodin war ein Freund des Non-Finito (Nicht-Vollendeten) und verwendete Teile seiner Skulpturen mehrfach: „Johannes der Täufer“ wird ohne Kopf und Arme zum „Schreitenden“. Foto: Gerd Neumann

Was macht die Modernität der beiden aus?

Edgar Degas: „Vor dem Rennen“ — Bewegungsstudien. Foto: Kunstmuseum Bern/Legat Georges F. Keller
Edgar Degas: „Vor dem Rennen“ — Bewegungsstudien. Foto: Kunstmuseum Bern/Legat Georges F. Keller Foto: Kunstmuseum Bern, Legat Georges

Finckh: Sie sind beide Darsteller des modernen Lebens, zeigen keine Fürsten, Bischöfe oder Heilige, sondern Wäscherinnen, kleine Tänzerinnen oder den Mann mit der gebrochenen Nase vom Pferdemarkt. Sie haben sich für die gerade erst erfundene Fotografie sehr interessiert. Durch Reihenaufnahmen hat man damals erst verstanden, wie Bewegungen ablaufen und wie Pferde tatsächlich die Hufe setzen. Das machte ihre Arbeiten dynamischer. Und sie stehen für die impressionistische Plastik, die Figuren nicht mit ebenmäßiger Oberfläche zeigt, sondern „mit Buckeln und Löchern“, wie Rodin sagt. Wenn das Licht auf diese Höhen und Täler fällt, wirkt das Gesicht durch das Schattenspiel lebendig.

Wie läuft die Ausstellung?

Finckh: Sehr gut. Bisher hatten wir gut 30 000 Besucher. Am Ende kommen wir vielleicht auf 100 000 wie bei Camille Pissarro, aber das hängt immer auch vom Wetter ab. Vor allem Führungen sind sehr gefragt, 1400 sind bereits jetzt gebucht. An einigen Tagen im Januar und Februar können wir schon keine Führungen für Gruppen mehr anbieten, weil es sonst zu voll würde. Individualbesucher und unsere regelmäßigen öffentlichen Führungen sind davon natürlich ausgenommen.

Warum setzen Sie in Ihrem Vermittlungskonzept auf Führungen statt auf Audioguides wie andere Häuser?

Finckh: Wir wollen gern, dass die Leute in Gruppen kommen und sich führen lassen, weil wir es für die beste Vermittlung halten, wenn ein Mensch einem anderen etwas erzählt. Anders als bei der Berieselung durch einen Audioguide oder Filmbilder kommen so auch Begeisterung und andere Gefühle rüber. Außerdem können die Besucher nachfragen und sich untereinander austauschen — all das macht die Ausstellung zu einem Erlebnis, das länger und angenehmer in Erinnerung bleibt.

Warum stehen einige Skulpturen unter Glashauben?

Finckh: Das gehört zu den Vorgaben mancher Leihgeber, damit man sie nicht anfassen kann — die Patina auf der Bronze und die Farbe auf dem Gips sind empfindlich. Ich finde es nicht so schön, wenn man die Arbeiten nicht direkt ansehen kann. Daher habe ich mich intensiv bemüht, den Leihgebern Alternativen anzubieten. So haben wir jetzt einige hohe Sockel als Abstandshalter in der Ausstellung.

Warum herrscht in manchen Räumen Dämmerlicht?

Finckh: Die vielen Grafiken, Aquarelle und Pastelle dürfen nicht mehr als 50 Lux Beleuchtungsstärke bekommen. Durch starkes Licht wird das Papier trocken und spröde, dann perlt bei Pastellen buchstäblich die Kreide ab. Insgesamt mussten wir die Ausstellung dimmen, damit keine brutalen Unterschiede auftreten, sondern alles in einer Stimmung bleibt. Das wiederum lässt Bilder und Figuren, die extra angestrahlt werden, besondern leuchten. Sie wirken dann besser als im Tageslicht.

Wie viele Besuche brauchen Sie, damit sich die Ausstellung refinanziert?

Finckh: Das weiß ich jetzt noch nicht, weil sie sehr teuer war. Bei der Menge an Werken sind allein die Transportkosten und die Versicherung enorm teuer. Aber mir ist wichtig, dass wir im Herbst und im Frühjahr große Ausstellungen haben, damit die Besucher wissen: Wuppertal lohnt sich immer. Deshalb kommen sie aus einem Radius von 200 Kilometern inklusive Holland und Belgien.

Was planen Sie denn fürs nächste Jahr?

Finckh: Am 11. April eröffnen wir die Ausstellung „Adolf Erbslöh — der Avantgardemacher“. Er gilt als der Wuppertaler Künstler schlechthin, war als Maler auch wirklich solide, aber das eigentlich Aufregende war sein Freundeskreis in München: Er hat Kandinsky, Jawlensky, Marc und Macke gefördert.

Hat sich das auf seine Heimatstadt ausgewirkt?

Finckh: Dass die Maler des Blauen Reiter 1910/11 in Elberfeld und Barmen ausgestellt haben, hat ihnen zum Durchbruch verholfen. Die bergischen und rheinischen Sammler haben sie erst berühmt gemacht und ihnen zu internationaler Reputation verholfen. Im damals sehr bräsigen München wären sie sicher untergegangen.

Und was ist für den Herbst 2017 vorgesehen?

Finckh: Ab 24. Oktober zeigen wir Edouard Manet. Das wird spektakulär werden, wir haben schon einige sehr gute Leihgaben zugesagt bekommen — obwohl die Museen sie ungern herausrücken, denn Manet hat ja nur rund 500 Gemälde hinterlassen.