1. Kultur

Neue Intendanz am Tanzhaus NRW

Ingrida Gerbutavičiūtė folgt auf Bettina Masuch : Neue Intendantin am Tanzhaus NRW

Die gebürtige Litauerin Ingrida Gerbutavičiūtė ist derzeit Chefdramaturgin beim Tanzkongress 2022, der von der Kulturstiftung des Bundes und dem Staatstheater Mainz veranstaltet wird.

Den Namen üben wir noch mal – darin war sich das Podium auf der großen Bühne im Tanzhaus NRW einig. Ingrida Gerbutavičiūtė, die neue Intendantin der Kulturinstitution mit Sitz in Düsseldorf, nahm es geduldig. Schon mit ihrer auffälligen Hochsteckfrisur, die Seiten kahl rasiert, zog sie die Blicke auf sich. Die Litauerin ließ den Düsseldorfer Kulturdezernenten Hans-Georg Lohe, den Vorstandsvorsitzenden des Tanzhaus-Trägervereins, Johannes Kurschildgen, und die im Saal und online anwesende Presse schmunzelnd nachsprechen. Und bot an, sie beim Vornamen zu nennen.

Viel geholfen hat es nicht, in seinem Schlusswort verhaspelte Lohe sich erneut. Vielleicht hätte man sich auf dem Podium besser vorbereiten können, denn es war ein bisschen peinlich, dass die Aussprache ihres Namens zeitweise im Zentrum der öffentlichen Präsentation der neuen Tanzhaus-Intendantin stand. Enttäuschend auch, dass entgegen der Ankündigung kein Repräsentant des Landes NRW die junge Frau offiziell willkommen hieß.

Ingrida Gerbutavičiūtė, Jahrgang 1983, wird ab Sommer 2022 die Geschicke des Hauses als Nachfolgerin von Bettina Masuch leiten. Ihr Vertrag wurde über vier Jahre abgeschlossen. Die Tanzwissenschaftlerin, Dramaturgin und Journalistin übernimmt den Betrieb zu einem entscheidenden Zeitpunkt: Ab Sommer 2023 soll die Einrichtung aufwendig saniert und erweitert werden – bei fortlaufendem Betrieb. Gesamtkosten, Stand jetzt: knapp 20 Millionen Euro.

 Die Tanzwissenschaftlerin, Dramaturgin und Kuratorin Ingrida Gerbutavičiūtė übernimmt ab der Spielzeit 2022/23 die Intendanz am renommierten Tanzhaus NRW in Düsseldorf.
Die Tanzwissenschaftlerin, Dramaturgin und Kuratorin Ingrida Gerbutavičiūtė übernimmt ab der Spielzeit 2022/23 die Intendanz am renommierten Tanzhaus NRW in Düsseldorf. Foto: Tanzhaus NRW

Gerbutavičiūtė, die seit 15 Jahren in Deutschland lebt, setzte sich gegen 30 Bewerber durch. Sie überzeugte die Findungskommission, die aus Vertretern des Landes NRW, der Stadt Düsseldorf und dem Vorstand des Tanzhauses NRW sowie der regionalen und internationalen Tanzszene bestand. Ihre Expertise: Initiatorin, Kuratorin und Leiterin diverser Festivals und Plattformen in Litauen und Berlin. Fünf Jahre lang leitete sie zudem den Lehrstuhl für Tanz an der Litauischen Akademie für Musik und Theater in Vilnius. Derzeit arbeitet sie als Chefdramaturgin des Tanzkongresses 2022 in Mainz.

Bettina Masuch wechselt
nach St. Pölten

Sie folgt auf Bettina Masuch, die das Tanzhaus seit 2014 managt. Im Sommer 2022 siedelt die erfahrene Tanzmanagerin (u.a. Berliner Volksbühne/Schauspielhaus Zürich/Springdance Rotterdam) nach Österreich über, um das Festspielhaus St. Pölten zu übernehmen. Ihr aufsehenerregender Rauswurf mit teilweisem Rückzug sorgte auch in den Nachbarländern für Schlagzeilen. Wegen interner Konflikte, bei denen es unter anderem um eine Strukturreform des Hauses sowie einen angeblich arroganten Führungsstil ging, wollte sich der Vorstand des Trägervereins von ihr trennen und den Vertrag nicht verlängern. Eigentlich hätte Masuch Ende 2020 gehen müssen. Doch das Land NRW und die Stadt Düsseldorf, die die Einrichtung wesentlich subventionieren, hielten dagegen. Außerdem stellte sich das gesamte Team hinter sie. Der Verein ruderte zurück, der Vertrag wurde bis Sommer 2022 verlängert.

Ingrida Gerbutavičiūtė empfindet es „als eine große Ehre und Verantwortung“ die Intendanz zu übernehmen. Für sie sei es wichtig, „dass das Tanzhaus am internationalen Puls bleibe, globale Fragen zur Diskussion stellt, kritische, sozialpolitische Themeninhalte und Ästhetiken kontextualisiert.“  Was die Akademie angeht, die sie durch ihren schieren Umfang der Vermittlungsformate und die Vielfalt der Ästhetiken beeindruckt, möchte sie den Austausch zwischen professionellen und nicht-professionellen Tänzern stärken. Akzente wird sie bei den aktuellen Themen unserer Zeit setzen: Fragilität des menschlichen Körpers, Ökologie, Nachhaltigkeit, Inklusion, kulturelle Diversität und Integration. Die neue Chefin sieht sich als Mediatorin zwischen ihrem Haus, der Öffentlichkeit und der Politik.