Festival-Abbruch Rock am Ring: Fans hoffen auf Entschädigung

Wohl erst nach Druck durch die Behörden hat die Leitung von „Rock am Ring“ das Festival beendet — diese hält die Absage für falsch.

Festival-Abbruch: Rock am Ring: Fans hoffen auf Entschädigung
Foto: dpa

Mendig/Düsseldorf. Unter dem Punkt 16 der Allgemeinen Geschäftsbedingungen für das Festival „Rock am Ring“ heißt es vom Veranstalter lapidar „Das Konzert findet bei jeder Witterung statt“. Das freilich ist seit dem Wochenende so nicht mehr zu halten. Unwetterbedingt wurde die Veranstaltung zum ersten Mal in ihrer Geschichte vorzeitig beendet — die letzten der rund 90 000 Besucher auf dem Festivalgelände in Mendig machten sich gestern auf den Heimweg.

Zumindest versuchten sie es: Denn einige Autos steckten laut Polizei noch immer in der Schlammlandschaft fest, in das heftige Gewitter das ehemalige Flughafengelände in der Eifel verwandelt hatten. Durch Blitzeinschläge waren am Freitagabend 71 Menschen verletzt worden. Einem Polizeisprecher zufolge handelte es sich bei den Verletzungen vor allem um Herz-Rhythmus-Störungen und Verbrennungen.

Nach mehreren wetterbedingten Unterbrechungen und einer Wetterprognose, die für Sonntag weitere Gewitter mit Hagel und Starkregen voraussagte, hatte die Verbandsgemeinde Mendig nach eigener Aussage am späten Samstagabend die Notbremse gezogen und die Veranstalter aufgefordert, das Festival nach dem letzen Konzert in der Nacht zu Sonntag zu beenden.



Offensichtlich war die Festivalleitung dazu aber nicht bereit. In einer Pressemitteilung der Gemeinde von gestern heißt es wörtlich: „Diesem Vorgehen für Sonntag wollte der Veranstalter nicht folgen.“ Aufgrund „seiner Weigerung“, heißt es weiter, habe die Verbandsgemeinde als örtliche Ordnungsbehörde verfügt, „dass die Veranstaltung ab 4.30 Uhr beendet und das Gelände ordnungsgemäß durch den Veranstalter bis zum Sonntag, 12 Uhr, zu leeren ist.“ Gegen zwei Uhr am Sonntagmorgen sei die Entscheidung dem Veranstalter schriftlich überreicht worden. Dann habe er akzeptiert.

Offensichtlich nicht ohne Zähneknirschen. In einem Interview kritisierte „Rock am Ring“-Macher Marek Lieberberg gestern das Verhalten der Behörden: „Die Entscheidung ist falsch.“ Er hätte besser gefunden, die Besucher am Sonntag bei konkreter Gefahr zu warnen und das Programm anschließend fortzusetzen. Gegenüber unserer Zeitung wollte sich der Veranstalter dazu gestern nicht äußern.

Zur Höhe des Schadens oder zu möglichen Entschädigungen für die Festivalbesucher hieß es schriftlich: „Die Bewertung der durch die vorzeitige Beendigung des Festivals entstandene Situation dauert an und wird sicher noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Erst wenn alle erforderlichen Fakten analysiert sind, können seriöse Schlussfolgerungen vorgenommen und Konsequenzen gezogen werden.“

Wobei viele Besucher den Abbruch des Festivals im Prinzip für richtig halten. „Ich wäre zwar gern geblieben, aber die Absage war schon gerechtfertigt“, sagt Lisa Reckeweg, 21, Studentin aus Aachen, die mit zwei Freundinnen nach Mendig gekommen war. Von den verletzten Besuchern hat sie auf dem Festivalgelände nichts mitbekommen, erst nachdem sich ihre Eltern bei ihr meldeten, wurde ihr klar, dass die Situation ganz schön brenzlig war. Ihrer Ansicht nach waren die Organisatoren mit der Lage überfordert.



Das glaubt auch Johannes Pinzek (21), der sich zwar nicht so sehr am Regen gestört hat („Das ist halt Festival.“), aber ebenfalls schwere Versäumnisse bei den Festivalveranstaltern sieht. Der Informatikstudent und seine vier Begleiter hätten es nach dem erstem Abbruch am Freitag vor lauter Gedränge gar nicht mehr bis zu ihren Zelten geschafft. Die Zeit zwischen Warnung und Einsetzen des Unwetters sei dafür viel zu kurz gewesen.

Die Rettungswagen, die sich um die Verletzen kümmern sollten, seien im Schlamm steckengeblieben. „Die Besucher mussten die Wagen aus dem Schlamm schieben.“ Bis auf die ehemalige Start- und Landebahn, habe das komplette Gelände unter Wasser gestanden. „Es ist alles ziemlich unorganisiert gelaufen, so gesehen war die Absage richtig.“ Bei besserer Planung hätte die Veranstaltung weiterlaufen können, glaubt Pinzek — und hofft auf eine Rückerstattung des Eintrittspreises. Gerade sieben Bands konnte er ansehen — für knapp 200 Euro, die Ticket und Campingplatz gekostet haben.

Damit ist er noch besser bedient als Gabor Szük, 38, der während „Rock am Ring“ nur zwei Shows sehen konnte. Der Informatiker besucht das Festival regelmäßig und hatte auch die Gewitter im vorigen Jahr miterlebt. „Ich bin eigentlich davon ausgegangen, dass die Veranstalter daraus etwas gelernt haben“, sagt Szük. Das Gegenteil sei der Fall gewesen: „Ordner und freiwillige Helfer waren mit der Situation völlig überfordert.“ Es sei fast unmöglich gewesen, sich durch den Schlamm fortzubewegen. Zudem seien viele Informationen widersprüchlich gewesen, und Gerüchte hätten Panik geschürt. „Zwischendurch war auf dem Gelände sogar von mehreren Toten die Rede.“

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