Musik: Männerchöre bangen um Existenz

Musik: Männerchöre bangen um Existenz

60 000 Chöre gibt es bundesweit, die Anzahl der Sänger nimmt ab. Dabei haben gerade junge Leute große Freude am Singen im Verein.

Düsseldorf. Andreas Roßbruch aus Meerbusch ist begeisterter Chorsänger. Auch Horst Olpe aus Wuppertal geht ein Mal in der Woche zur Chorprobe. Und das immerhin seit 26 Jahren. Roßbruch singt in einem Gospelchor, Olpe in einem Männergesangsverein. Jedoch können sich immer weniger Deutsche für Chormusik begeistern, manche Gruppen lösen sich ganz auf. Das beklagt der Deutsche Chorverband. Werden die Vereine von Roßbruch und Olpe weiter bestehen können?

Der Deutsche Musikrat zählte 2014 rund 2,2 Millionen Sänger, organisiert in 60 000 Chören. Tendenziell nehme die Zahl der Chorsänger eher ab. Aber: „Wir haben in Deutschland nicht zu wenig junge Leute, die gerne in einen Chor gehen würden - ganz im Gegenteil“, ist der Präsident des Deutschen Chorverbandes Henning Scherf, früherer Bremer Bürgermeister (SPD), überzeugt. Tatsächlich belegen die Zahlen das steigende Interesse junger Sänger: Anfang 2012 registrierte der Deutsche Musikrat knapp 309 000 Kinder und Jugendliche in Chören, zwei Jahre später waren es rund 379 000.

Die Singfreude von jüngeren Leuten nimmt auch Christel Paschke-Sander wahr. „Wenn es Neugründungen gibt, handelt es sich häufig um Kinderchöre“, weiß die Vorsitzende des Chorverbandes Düsseldorf. Schwierig sei es eher, Sänger zwischen 30 und 50 Jahren zu finden. „In diesem Alter sind die meisten im Beruf stark eingespannt“, vermutet sie.

Genau zu dieser Generation zählen die meisten der Sängerfreunde von Andreas Roßbruch. „Unser Durchschnittsalter liegt bei 45“, schätzt der Vorsitzende des Krefelder „Grateful“-Gospelchores, der 80 aktive Sänger zählt. Das Gute an der stimmungsvollen Kirchenmusik sei, dass sie generationenübergreifend zum Mitwippen und -singen anstiftet. „Gospel begeistert und ist mit Bewegung verbunden“, erklärt er. „Diese Dynamik macht fast jedem Freude.“

Wo die einen sich über Zulauf freuen, sind die anderen über die sich leerenden Reihen betrübt. Vom Chorsterben sind vor allem die Traditionsvereine betroffen. Auch der Deutsche Chorverband stellt einen Rückgang bei bestimmten Formen wie dem traditionellen Männergesangsverein fest.

Erst im Mai dieses Jahres verabschiedete sich auch der Wuppertaler Bayer-Chor — nach 113 Jahren. Ihm fehlte es schlichtweg an Nachwuchs. „Auch in Düsseldorf haben in den letzten Jahren einige Männergesangsvereine aufgegeben“, berichtet Paschke-Sander. Erst diese Woche habe sie von einer weiteren Auflösung erfahren. „Ich rate den Vereinen, einen separaten Unterchor zu eröffnen“, erklärt die Düsseldorferin. Denn oft würden die jungen Sänger nicht mit „den Silberlocken“ zusammensingen wollen.

Horst Olpe, Vorsitzender des Männergesangsvereins Sängerhain Sudberg, kennt die Probleme. Um seinen 24-köpfigen Chor fürchtet der Vorsitzende jedoch nicht. „Wir haben zahlreiche Auftritte und eine seit Jahrzehnten konstante Mitgliederzahl“ , erzählt der 70-Jährige. Übrigens, das jüngste Mitglied ist erst 29 Jahre alt. Das Geheimnis der Wuppertaler Männerschar: Sich nicht vor Neuerungen fürchten.

„Wir singen sehr viel auf Englisch“, sagt Olpe. Natürlich haben die fremdsprachigen Texte bei den älteren Mitgliedern zunächst Unbehagen ausgelöst. „Aber dann haben wir alle gemerkt, wie gut das ankommt und dass wir nur so neue Mitglieder gewinnen können.“ Denn auch wenn klassisches Liedgut nicht in Vergessenheit geraten dürfe, müsse man „nach vorne gucken.“

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