Lorin Maazel: Eleganz und kontrollierte Ekstase

Lorin Maazel: Eleganz und kontrollierte Ekstase

Star-Dirigent Lorin Maazel gastiert mit den Wiener Philharmonikern inEssen.

Essen. Locker, fast lässig steht er auf dem Podest, selbst in den schwersten Rhythmus-Gewittern von Strawinskys "Sacre du Printemps" gerät er in keinem Takt außer sich. Im Gegenteil: Wenn seine philharmonische Hundertschaft aus Wien so richtig brodelt, kommt Lorin Maazel mit einer Hand aus, die andere legt er ganz cool aufs Geländer.

Keine Frage, diesem Mann sieht man nicht an, dass er in elf Tagen 80 Jahre alt wird. Am Ende seiner Karriere ist Maazel offenbar noch lange nicht. Zudem soll er 2011 neuer Chef der Münchner Philharmoniker werden - als Übergangsnachfolger für den im Streit nach Dresden abwandernden Christian Thielemann. München kennt Maazel gut, von 1993 bis 2002 leitete er das Symphonieorchester des Bayrischen Rundfunks, bevor er die New Yorker Philharmoniker übernahm.

In der Gegenwart ist Maazel aber mit den Wiener Philharmonikern (die er 1962 erstmals dirigierte) auf großer Tournee. In der Essener Philharmonie gab er gleich zwei Konzerte: ein Nummer-Sicher-Programm mit Beethovens "Pastorale", Debussys "La Mer" und ein bisschen Ravel. Und dann zwei "Aufreger" - besagten "Sacre" von Strawinsky und die dritte Symphonie von Anton Bruckner.

Leider war gerade der zweite Abend längst nicht ausverkauft. Konnte man da doch erleben, wie die Verbindung des edlen Schönklangs der Wiener mit der kühlen Perfektion Maazels zum musikalischen Ereignis geriet. Sicher, den "Sacre", der 1913 bei seiner Uraufführung in Paris noch Tumulte auslöste, hat man schon brutaler, bedrohlicher gehört. Aber so klar strukturiert, transparent und das ohne jeden Abstrich bei Dynamik und Rasanz kommt dieser Reißer selten daher. Maazel hielt die Ekstase stets unter Kontrolle, was dem Stück gut tut.

Bruckners Dritte hingegen, von den Zeitgenossen sträflich verkannt, mag ein wenig mehr Leidenschaft und Tiefgang vertragen. Maazel, der leider Bruckners dritte Fassung wählte, wirkt da mit seiner eleganten Schlagtechnik oft so, als sei das für ihn alles ein Klacks. Dennoch: Das herrlich frische Spiel der Philharmoniker fesselte vom ersten bis zum letzten Takt.

Am Ende freilich sah selbst der agile Herr Maazel geschlaucht aus - was ihn nicht davon abhielt, noch den ersten ungarischen Tanz von Brahms dazuzugeben.