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Kraftklub: „Wir sind ganz normale Freaks“

Kraftklub: „Wir sind ganz normale Freaks“

Mit ihrem Song „Ich will nicht nach Berlin“ lieferte die Chemnitzer Band Kraftklub 2011 den trockenen Abgesang auf den Hauptstadt-Hype. Jetzt kommt das Debütalbum des Quintetts.

Düsseldorf. Amoklauf, Psychopharmaka, Depressionen — auf ihrem Debütalbum „Mit K“ lassen die sächsischen Rap-Punks von Kraftklub kein extremes Thema aus. Wie kommt es dann, dass ihre CD trotzdem Spaß macht? Und was haben Karl-Marx-Stadt und Berlin auf dem Werk zu suchen? Ein Gespräch mit Kraftklub-Bassist und Songschreiber Till Brummer (21) über Heimatverbundenheit und Ost-Komplexe.

Die Heimat von Kraftklub ist Chemnitz. Sie benutzen aber lieber den DDR-Namen „Karl-Marx-Stadt“. Pure Ostalgie?

Till Brummer: Wir finden, Karl-Marx-Stadt klingt viel besser. Mit den alten Zeiten hat das nichts zu tun. Wir werden auch oft nach unserem Bandnamen gefragt. Kraftklub hört sich einfach gut an und hat nichts mit Kraftwerk zu tun. Die Bild-Zeitung hat uns mal mit denen verwechselt. Sie schrieb: „Kraftwerk hat den fünften Platz beim Bundesvision Song Contest gemacht.“ Sehr seltsam. Wer weiß, wer das geschrieben hat. Vielleicht ein Praktikant. Das Blatt meinte auch, für unseren Song „Ich will nicht nach Berlin“ dürften wir nicht auf Punkte aus der Hauptstadt hoffen. Dann haben wir von dort aber zehn Punkte bekommen.

In Berlin spielt heute die Musik. Auch für Kraftklub?

Brummer: Nach Berlin wollen wir auf keinen Fall ziehen. Hin und wieder ist die Hauptstadt okay, aber einer von uns ist in Berlin mal richtig depressiv geworden. Wir wollen immer zurück in unser gemütliches Karl-Marx-Stadt.

Wer sich traut, ein böses Lied über die Hauptstadt zu singen, braucht ganz schön viel Selbstbewusstsein. Wo haben Sie das her?

Brummer: Gerade auf der Bühne wird uns Selbstbewusstsein nachgesagt. Das größte Lob, das mein Vater mal nach einem Kraftklub-Konzert geäußert hat, ging etwa so: „Ja, war schon okay.“ Daher kommt unser Selbstbewusstsein also schon mal nicht. Wir stehen alle wirklich hinter der Band, sind einfach nur komische Typen aus dem Osten. Ganz normale Freaks.

Das Durchschnittsalter der Bandmitglieder liegt bei 21 Jahren. Wie ist das, wenn man die DDR nur noch vom Hörensagen kennt?

Brummer: Nun, der Vater von Felix und mir hatte in der DDR eine Band, die hieß AG. Geige und machte ganz verrückte Dada-Musik. Man wusste nie, ob sie mit ihren Liedern das System kritisierten oder befürworteten. Das muss sehr lustig gewesen sein. Mein Vater hat sicherlich auch unter dem System gelitten, aber davon erzählt er nicht viel. Das Gehirn ist ja so angelegt, dass es sich immer nur die guten und lustigen Dinge merkt.

Der Pressetext zum Album bezeichnet Kraftklub als das Sprachrohr einer ganzen Generation von Verlierern. Zu Recht?

Brummer: Das haben wir nicht selbst geschrieben. Uns ist früher, als wir als Steppkes mit der Familie Urlaub in Polen gemacht haben, aber schon aufgefallen, dass wir für die Wessi-Kinder automatisch die Loser waren. Daraus hat sich dann eine Trotzhaltung entwickelt. Wir sind halt Ossis und trotzdem — oder gerade deshalb — cool.

Gibt es nach Karat und den Puhdys einen neuen, eigenständigen Ost-Rock?

Brummer: Es wäre natürlich schön, wenn man die Puhdys und Karat aus dem Gedächtnis löschen könnte. Aber wirklich neu ist das, was wir machen, nicht. Wir klauen uns einfach die coolen Sachen bei allen Bands, die uns gefallen, und versuchen, das irgendwie unter einen Hut zu bringen. Wir wollen nichts neu erfinden, wir machen einfach nur das, worauf wir Bock haben.

Einer Ihrer Songs behandelt das Thema Psychopharmaka. Kann Ritalin dabei helfen, schlummernde Talente in richtige Bahnen zu lenken?

Brummer: Ich selbst musste Ritalin über fünf Jahre regelmäßig nehmen. In der Schule hatten sie viele Probleme mit mir, weil ich sehr aufgedreht war. Die dachten erst, ich wäre hochbegabt und nur gelangweilt. Es stellte sich aber raus, dass dem nicht so ist. Irgendwann war ich bei einem Therapeuten, der dann bei mir ein Hyperaktivitätssyndrom festgestellt und mir diese Tabletten verschrieben hat.

Wie wirkt Ritalin?

Brummer: Man steht unter Drogen, anders kann man es nicht sagen. Wenn man Ritalin nimmt, wird man konzentrierter und ruhiger. Es ist aber nicht gut, wenn man gesagt bekommt: „Hey, gestern warst du ja cool drauf!“ Dabei waren es nur die Tabletten.

Welche Folgen hatte das Ritalin bei Ihnen?

Brummer: Es gibt immer noch keine Untersuchungsergebnisse darüber, wie Ritalin über einen langen Zeitraum wirkt. Viele Leute werden von Ritalin psychisch abhängig, weil sie glauben, ohne die Tabletten nicht mehr klarzukommen. Das ist sehr belastend für einen Vierzehnjährigen.

„Die Eltern kiffen mehr als wir“, heißt es ironisch im Song „Zu jung“. Wie soll man heutzutage rebellieren, wenn die eigenen Eltern schon alles ausprobiert haben?

Brummer: Man müsste Faschist oder Banker werden, das würde wahrscheinlich funktionieren, aber das will man natürlich nicht. (lacht)

Mehr Infos zu Kraftklub gibt's im Internet unter: kraftklub.to