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Hits 2011: Ein Jahr regiert von großen Gefühlen

Hits 2011: Ein Jahr regiert von großen Gefühlen

Selten wurde ein Pop-Jahr so restlos dominiert wie 2011 vom britischen Neo-Soul-Wunder Adele. Selbst Lady Gaga konnte einpacken.

Düsseldorf. Wenn man schon nicht mehr die erfolgreichste Dame im Pop-Betrieb ist, zieht man sich eben einfach Männerklamotten an. Mit Elvis-Tolle und Designer-Jackett erschien Lady Gaga am 28. August auf der Bühne der MTV Video Music Awards und machte mit ihrer maskulinen Maskerade die Hosenrolle wieder trendfähig. Der Auftritt konnte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die allgemeine Aufmerksamkeit an diesem Abend einer anderen galt.

Kurze Rückblende, acht Monate zuvor, im Januar 2011: Ein Song erobert die Radio-Playlisten. Es ist kein leicht verdaulicher Pop-Schmu, wie er sonst die Programmminuten auf den Sendern füllt, sondern eine erwachsene, beim ersten Hinhören eher sperrige Soulnummer mit einem unruhig voranpeitschenden Rhythmus unter der wehklagenden Melodie. „Rolling In The Deep“ wird zum Überraschungshit. Dem unabhängigen Hamburger Musikvertrieb Indigo beschert der Song einen Nummer-eins-Hit samt Platinzertifizierung. Und seine Interpretin, die damals 22-jährige Britin Adele Adkins, macht er zum Star.

Adele, so ihr schlichter Künstlername, ist alles, was Pop normalerweise nicht sein will: Ihre Kompositionen meiden jeglichen Krawall, ihr Vortragsstil ist, trotz beeindruckenden Stimmvolumens, zurückhaltend und auf Kleidergrößen unterhalb 44 pfeift die bekennende Genießerin.

Als sie am 28. August auf der gleichen Bühne steht, auf der Lady Gaga gerade ihren neuesten Mummenschanz veranstaltet hat, wird das Publikum Zeuge eines Wachwechsels der besonderen Art: Prätention hat plötzlich ausgedient, Adeles Statement zum Pop ist gezieltes Understatement. Ihr zweites Album, „21“, benannt nach dem Alter, in dem sie die darauf enthaltenen Songs geschrieben hat, wird mit dieser konsequenten Verweigerung jeglicher Manierismen zu einem Erfolg, dessen Dimensionen das Jahr überstrahlen: Mit über einer Million verkaufter Exemplare in Deutschland, Vierfach-Platin in den USA sowie Zehnfach-Platin in ihrer Heimat Großbritannien hat sich das Album bereits knapp 50 Wochen nach seinem Erscheinen öfter verkauft als Amy Winehouses „Back To Black“ in fünf Jahren.

Selbst der verfrühte Tod der Winehouse im Juli, der den Absatz ihrer Platten noch einmal ankurbelte, konnte daran nichts ändern. Die Ironie daran: Adele ist Nutznießerin jenes Trends, den Winehouse 2006 lostrat: moderner Soul mit Retro-Chic und dem Mut zur gefühlvollen Melodie.

2011 schien diese Botschaft endgültig angekommen. Die französische Neo-Chansonette Isabelle Geffroy alias Zaz profitierte davon genauso wie die niederländische Jazz-Popperin Caro Emerald oder das Pop-Pin-up Lana Del Rey. Und auch der andere große Star des Jahres, der Hawaiianer Bruno Mars, lieferte mit seinem Album „Doo-Wops & Hooligans“ ein Bekenntnis zur schwelgerischen Melodie. Dass seine Songs wesentlich kitschzersetzter sind als Adeles stilsicherer Edel-Soul tat seinem Erfolg keinen Abbruch.

Die Wiederentdeckung des Gefühls drang sogar bis in Genres vor, die für derlei Duseligkeit bislang unanfällig schienen: Der Bielefelder Hip-Hopper Casper rappte von Minderwertigkeitsgefühlen und Existenzängsten und landete im Juli damit überraschend auf Platz eins. Und selbst Produzenten-Hansdampf David Guetta hat die Zeichen der Zeit erkannt und mit Sia oder Usher als Songlieferanten die großen Gefühle über seine knalligen Ibiza-Beats gelegt.

Die größten Gefühle allerdings lauern dort, wo Sprache versagt: Der Berliner Songschreiber Tim Bendzko machte daraus nicht nur ein Lied, sondern gleich eine ganze Platte und überholte mit seinem vertonten Poesiealbum „Wenn Worte meine Sprache wären“ in Sachen Deutsch-Pop kurz vor Jahresschluss sogar Herbert Grönemeyers „Schiffsverkehr“. Gemeinsam mit Bruno Mars und Adele bildet Bendzko in Sachen Albumverkäufe das Spitzentrio. Selten war Mainstream so erträglich.