Hagen Rether: Scharfe Zunge zur Klaviermusik

Hagen Rether: Scharfe Zunge zur Klaviermusik

Hagen Rether unterhält 1500 Besucher in der ausverkauften Tonhalle in Düsseldorf.

Düsseldorf/Wuppertal. Ein Pianist sitzt an seinem Flügel und spielt Stücke aus seinem Repertoire. Kein ungewöhnliches Ereignis in der Düsseldorfer Tonhalle. Ungewöhnlich wird es, wenn der Pianist Hagen Rether heißt und im Hauptberuf Kabarettist ist. Dazu einer der scharfzüngigsten seiner Zunft. Wer zu Rethers Programm "Liebe" geht und seichte Comedy erwartet, der wird am Mittwoch enttäuscht nach Hause gegangen sein.

"Der Dalai Lama ist der Peter Lustig für alle enttäuschten Christen". Abseits von Geschlechterstereotypen à la Mario Barth oder Cindys Hartz-IV-Witzen hält er seinem Publikum mit seiner beißend ironischen und sarkastischen Art den Spiegel vor.

Sein 150 Minuten langes Programm lädt zum Nachdenken ein. Sätze wie "Das Haus von George Orwell ist heute ein Museum und wird von zwölf Kameras bewacht" - Orwell entwarf in seinem Bestseller "1984" das Szenario eines totalen Überwachungsstaats - entfalten ihre Wirkung erst mit Verzögerung. Trotzdem hat Rether das Publikum schnell auf seiner Seite.

Dabei kommt der 41-Jährige scheinbar schwer in den Abend. Gähnend betritt er die Bühne und macht erstmal zwei Minuten lang nichts außer tief ein- und auszuatmen. Überhaupt ist Rether kein Kabarettist, der erwartbaren Mustern entspricht. Mal sucht er minutenlang nach Fusseln auf seinem dreireihigen Anzug, dann poliert er eine halbe Stunde seinen Flügel. Während der ganzen Zeit monologisiert er frei von jeglicher politischer Korrektheit über alles und jeden.

Sein Programm ist kein klassisches Politkabarett nach dem Motto "Ihr da oben, wir da unten". Zwar bekommen die regierenden Politiker von dem bekennenden Linken ihre Unfähigkeit vorgeworfen, dann dreht er den Spieß wieder und mokiert sich über den Wähler: "Alle die Schwarz-Gelb gewählt haben, sind jetzt sauer, dass sie keine rot-grüne Politik bekommen".

Es sind aber nicht nur politische Themen, die Rether anschneidet. In einer Minute regt er sich über die Abschaffung der Glühbirne auf, dann spielt er auf seinem Flügel das vermeintliche Mantra unserer Zeit: "Die Kühlkette darf nicht unterbrochen werden". Soll heißen: Statt sich mit wichtigen Problemen zu beschäftigen, machen wir uns Gedanken um die perfekte Temperierung unserer Lebensmittel.

Weil er nach Ansicht der Jury das Kabarett neu erfunden hat, bekommt Rether am 8. Januar den Deutschen Kabarett-Preis verliehen. Nicht nur die Kritiker sind dem Essener gewogen. Nach seinem Auftritt klatschen die 1500 Zuschauer minutenlang. Wer Hagen Rether in Düsseldorf verpasst hat, der kann ihn am 14. Dezember in der Wuppertaler Stadthalle erleben. Karten gibt es unter www.wuppertal-live.de

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