Ein Klassik-Purist auf Abwegen

Ein Klassik-Purist auf Abwegen

Thomas Quasthoff wagt mit „Tell It Like It Is“ einen zweiten Abstecher zum Jazz.

Düsseldorf. Vorbei scheint die Zeit, da sich Bass-Bariton Thomas Quasthoff brav im Frack ablichten ließ, artig Loewe-Balladen sang und noch einen etwas biederen Eindruck machte. Der Bach- und Schubert-Sänger verabschiedete sich bereits vor drei Jahren mit seinem ersten Jazz-Album vom Image des Klassik-Puristen. Jetzt legt er mit der CD "Tell It Like It Is" nach und befindet sich damit gerade auf Tour. Montag macht er Station in der Düsseldorfer Tonhalle.

Dem 50-Jährigen, dessen Arme und Beine aufgrund einer Contergan-Schädigung stark verkürzt sind, blieb zwar die Opernkarriere versagt, doch feierte er durch seine schöne warme Stimme und die ausdrucksvolle Art zu singen Erfolge auf allen großen Konzertpodien Europas, der USA und Asiens. Sein zweites Jazz-Album ist vor allem Zeichen der phänomenalen Vielseitigkeit des Sängers. Den Jazz habe er überhaupt nicht neu für sich entdecken müssen, und mit Popsongs sei er regelrecht aufgewachsen, sagt Quasthoff, der offen zugibt, einen sehr breiten Musikgeschmack zu haben. "Mir war es auch immer wichtig, so eine Horizontweite zu haben. Einseitigkeit halte ich für gefährlich."

Quasthoffs erstes Jazz-Album wurde zwar für den äußerst begehrten Grammy nominiert. Doch deswegen hebt der Jazz-Neuling noch keineswegs ab. "Ich bin nicht die neue Soul-Entdeckung", betont er bescheiden. Er singe Jazz aus dem einfachen Grunde, dass es ihm Spaß mache.

Und dieser Spaß bei der Sache ist dem Album auch anzumerken. Gediegen begleitet von vier brillanten Instrumentalisten - Bruno Müller (Gitarre), Frank Chastenier (Keyboards), Dieter Ilg (Bass) und Wolfgang Haffner (Schlagzeug)- singt Quasthoff einen Jazz, der gute Laune macht.

Mit seiner geschmeidigen Stimme kann der klassisch Ausgebildete viel anstellen. Im Song "I Can’t Stand The Rain" protzt er mal mit seinem opulenten Bass-Bariton, dann kann er aber auch in hohen Lagen scharf fauchen und miauen wie ein nass gespritzter Kater. Gerne raut er sein Timbre auf, um ihm so einen raspelnden Louis-Armstrong-Touch zu verleihen. Ganz neu sind solche Kniffe zwar nicht, aber die ganze Aufnahme klingt so wonnevoll, dass sich Quasthoffs zweiter Abstecher in die Jazz-Gefilde auf jeden Fall gelohnt hat. Live: Montag, 20 Uhr, macht Quasthoff mit seinem CD-Programm Station in der Tonhalle Düsseldorf. Karten an der Abendkasse.

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