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Düsseldorfer Tonhalle: (K)ein normales Konzert

Tonhalle Düsseldorf : Funkensprühende Klangkultur

Saisonauftakt der Düsseldorfer Tonhalle mit Maske, neuem Gastdirigenten und Residenzkünstler Frank Peter Zimmermann.

In der alten Normalität hätte die Rezension des Saisonauftakts der Düsseldorfer Tonhalle gewiss damit angesetzt, dass sich an diesem Abend zeitgleich der neue „Artist in Residence“ (Frank Peter Zimmermann) und zugleich ein neuer Gastdirigent (David Reiland) vorstellten. Doch unter der neuen Corona-Normalität muss alleine schon der Umstand, dass dieses Konzert mit dem üppigen Publikum und mit vollwertig – mit Abstand – besetzten Düsseldorfer Symphonikern überhaupt so stattfinden konnte, als die Nachricht gelten. Verbunden mit der Hoffnung, dass es bald eine Zeit geben möge, in der Artikel über Konzerte wieder hauptsächlich von Musik handeln. Von deren Ästhetik und Interpretation, schlussendlich auch von der Magie des klanglichen Augenblickes oder deren Misslingen.

Das Konzert fand mit bis ins Detail abgestimmtem Konzept statt

Tonhallen-Intendant Michael Becker und Team haben nach allen gültigen Corona-Regeln das zurzeit Mögliche gefühlt ausgereizt. Und ihr Konzept sorgsam mit den Behörden erarbeitet. Theoretisch fast volles Haus, im Sitzen ohne Abstand – indes mit Maske –, allerdings mit ausgeklügelten Zugangs-, Nachverfolgungs- und Frischluftmaßnahmen. Die Klimaanlage der Tonhalle spiele, so Becker eingangs, hierbei eine zentrale Rolle. Diese liefere Bedingungen, die ein Ansteckungsrisiko, so gut es geht, minimieren würden – verkürzt ausgedrückt. Übrigens: Eine Langversion zu allen Schutzmaßnahmen und eine ausführliche Beschreibung der Klimaanlage hat die Tonhalle selbstbewusst auf ihrer Webseite stehen.

Und wie fühlt sich das erste Konzert nach der Sommerpause an? Immerhin hatte die Tonhalle auch schon davor, sobald es denkbar war, einen beachtlichen Konzertbetrieb aufgenommen. Dennoch war der Hunger nach der neuen Saison, nach den Steinzeichen, wie die Abo-Konzerte des Hauses heißen, groß. Und es gab immerhin zwei Künstler vorzustellen, die in der kommenden Zeit das Profil des Hauses emphatisch mitgestalten sollen.

Dass der Anti-Star – ein Weltklasse-Violinist, der sich wenig um Effekt und Virtuosengetue schert – Frank Peter Zimmermann Residenzkünstler des Düsseldorfer Konzerthauses wird, mag auch daran liegen, dass er am Haus sämtliche Violinsonaten Beethovens im Beethovenjahr interpretieren wird. Aber auch daran, dass der gebürtige Duisburger sich nicht nur rein örtlich unweit seiner alten, und neuen (er wohnt in Köln) Heimat wohlfühlen dürfte, sondern vor allem auch künstlerisch; mit den unter Ádám Fischer gereiften, auf nuancenreiche Interpretation geschulten Düsseldorfer Symphonikern. Die bei diesem Saisonauftakt übrigens auch erneut ihre über jeden Zweifel erhabene Klangkultur unter Beweis stellten – die indes einen Dirigenten braucht, der diese Kräfte im Orchester auch abrufen kann. Hier kommt der zweite Künstler, der neu vorzustellen ist, ins Spiel. David Reiland folgt auf den scheidenden „Schumanngast“ Mario Venzago und wird sich vertieft der Interpretation von Robert Schumanns Musik widmen, dessen Name rein biografisch eng mit Düsseldorf verknüpft ist. Reiland erwies sich schon im Herbst 2019 als ein begnadeter Schumann-Interpret. Sein Dirigat der zweiten Sinfonie Schumanns im Mendelssohnsaal der Tonhalle hat über die Grenzen der Düsseldorfer Musikszene für Aufsehen gesorgt. Mit einer beachtlichen Sensibilität und einem überzeugenden Gespür für die Formung von Phrasen und musikalischen Zellen in ihrem Zusammenspiel überzeugte Reiland auch bei diesem Konzert, bei dem aber überraschenderweise kein Schumann auf dem Programm stand.

Den Saisonauftakt der Düsseldorfer Symphoniker leitete der neue „Schumanngast“ David Reiland. Foto: Susanne Diesner

Nach Beethovens Leonoren-Ouvertüre Nr. 3 op. 72b, die mit ihrer musikalischen Anlage gewiss manchen Zuhörer an die emotionalen Wirren der aktuellen Corona-Ära erinnern durfte, spielten die Symphoniker, Reiland und Zimmermann Musik, die ebenfalls perfekt in die Zeit zu passen scheint. Alban Bergs Violinkonzert ist ein innerliches, enigmatisch mystisches Porträt, ein Requiem für ein verstorbenes junges Mädchen. Entstanden 1935 nach dem Tod von Manon Gropius, der Tochter Alma Mahler-Werfels aus der Ehe mit dem Architekten Walter Gropius, schrieb Alban Berg eine hochemotionale Musik voller Bezugspunkte. Die indes mehr Leidenschaft fordert, als der zwar exquisit, aber kontrolliert waltende Zimmermann dem Werk zugestand. Ohnehin wünschte man sich bei aller Konzentration auf das Wesentliche etwas mehr Pfeffer von dem Geiger. Wovon Reiland übrigens reichlich hat. Funkensprühend und absolut stilsicher interpretierten die Symphoniker unter ihm schließlich Mozarts Linzer Sinfonie KV 425 und waren schlussendlich der eigentliche wahre Star dieses bedeutenden Auftakts in eine wahrscheinlich von Corona geprägte Saison.