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Die Toten Hosen: Die Hosen sind „zurück auf dem Bolzplatz“

Die Toten Hosen : Die Hosen sind „zurück auf dem Bolzplatz“

Mit einem Konzert im Kölner Gloria feiern die Düsseldorfer ihr neues Album „Laune der Natur“.

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Köln. Um drei Minuten nach neun zählt Campino auf beste Ramones-Weise an: „Eins! Zwo! Drei! Vier!“ Und dann reißen erstmal alle Bremskabel. Dem mit allerlei Hosenhobel-Gitarrengekratze bestückten „Urknall“ in Liedform folgt der dramaturgische Urknall mit dem gnadenlos hektischen „Modestadt Düsseldorf“. Dann kommt das rasende „Auswärtsspiel“, schließlich ist das hier ja Feindesland. Und direkt hinterher noch „Liebeslied“ sowie der ultimativem Aufruf zum Durchdrehen, „Weil du nur einmal lebst.“ Die Toten Hosen stehen im Kölner Gloria-Theater und feiern den Tonträgergeburtstag ihres neuen Albums „Laune der Natur“. Und sie erwecken den Eindruck, als wollten sie diese Platte nicht nur einfach willkommen heißen. Das kann ja jeder. Das wäre läppisch. Sie erwecken den Eindruck, als wollten sie sie mit aller Macht in die Welt und alle verfügbaren Ohren hineinhämmern.

Viel wurde und wird darüber diskutiert, ob diese Band nach all den Jahren in den Stadien der Republik und den Charts überhaupt noch Punk sein kann. So, als ginge es bei Punk nur darum, vor möglichst wenig Zuschauern möglichst viel auf den Instrumenten rumzuschrammeln und bloß nicht mehr als ein paar Tausend Tonträger zu verkaufen. Und natürlich: Eine Zeile wie „Wannsee, wann seh‘ ich dich wieder“ im entspannten Reggae-Rhythmus wäre den Toten Hosen damals, in den 80ern, nicht in die Tüte gekommen. Und dann auch noch Konzerte wie dieses, ausverkauft binnen 30 Sekunden, übertragen auf mehreren Radiosendern: Ganz und gar unmöglich. Der Gipfel des Kommerzes.

Aber genau das ist es ja. Diese Band, die längst eine urdeutsche, die Generationen und Gesellschaftsschichten, die Leder- und Multifunktionsjackenträger verbindende Institution geworden ist, verdient mittlerweile wahrscheinlich genug Geld, um sich neben einem Gemeinschaftsgrab auf dem Südfriedhof auch noch ein Familienschlösschen leisten zu können. Aber sie tragen keine goldene Kreditkarte in der Brusttasche, sondern den Krawall im Herzen. Und an diesem Abend, wenn kein Fan hundert Meter entfernt von der Bühne auf Leinwände blicken muss, um die Schweißsturzbäche über Campinos Stirn fließen zu sehen, können die 900, die dabei sein dürfen, quasi noch einmal aus dem Bühnengraben heraus verfolgen, wie sehr diese Band auf alles Geätze pfeift. Wie sehr ihnen egal sein kann und auch egal ist, wo andere sie verorten. Punk ist nichts anderes als Rock’n’Roll. Und die Hosen sind und bleiben eine famose Rock’n’Roll-Band.

Sie spielen neue Songs und wühlen im Urschleim aus „Reisefieber“, „Bommerlunder“ und „Verschwende deine Zeit“. Sie packen in vier Minuten „Gegenwind der Zeit“ mehr politische Aufrichtigkeit als 20 Redner im Bundestag nacheinander. Und sie tun all das immer noch so, als ginge es um ihr Leben. Wie damals, als Campino noch im Bühnendreck von Bürgerhäusern und Jugendzentren landete oder sich nur an den Knien hängend von den Stahlträgern der Philipshalle kopfüber nach unten baumeln ließ. Die Band steht im Bierduschen-Gewitter und grinst so wonnevoll, als regnete da gerade ein Sommerregen nach Monaten der Trockenheit über sie herab. Der Frontmann scheint mitunter gar nicht zu wissen, wohin er mit all der Energie soll, die da bei ihm durch herausstehende Halsadern und in steter Bewegung befindliche Gliedmaßen strömt. Dafür, dass dieser Tag tatsächlich der weltweite Ohne-Hosen-Tag ist, erlebt das Gloria, erlebt Köln gerade einen Hosen-Overkill.

Und am Schluss, als nichts mehr geht, läuft nochmal alles aus dem Ruder: Das live ewig nicht mehr gespielte „Azzurro“ hört sich an wie eine Ladung Ziegelsteine, die durch Fensterscheiben krachen. Campino kreischt nur noch und wälzt sich dann nach Luft schnappend am Boden. Gitarrist Kuddel übernimmt und brüllt ins Mikrofon. Schlagzeuger Vom hämmert. An den Älteren im Saal rauscht in diesem Moment das Leben von Jugend bis Vaterschaft mit wohligem Ohrensausen und Augenflimmern vorbei. Die Jüngeren halten Campino und Co. wahrscheinlich für Altersgenossen. Ein wunderbares Inferno. Eine aberwitzige Laune der Natur. Die Toten Hosen sind dort, wo sie hinwollten und wie sie es zur kommenden Tournee ankündigen: „Zurück auf dem Bolzplatz“.

Der Sänger Campino (l) und Girarrist Andreas von Holst (r) von der Band "Die Toten Hosen" treten 05.05.2017 in Köln (Nordrhein-Westfalen) bei einem Konzert zur Veröffentlichung ihres neuen Albums "Laune der Natur" auf. Foto: Henning Kaiser