Der Tausendsassa unter den Tenören

Der Tausendsassa unter den Tenören

Lyrisches von Mozart oder Dramatisches von Wagner: Jonas Kaufmann gelingt der Spagat — auf den großen Opernbühnen der Welt.

Düsseldorf. Der aus München stammende Tenor Jonas Kaufmann (44) ist das Chamäleon unter den Tenören, wandlungsfähig und einsetzbar wie ein Joker beim Kartenspiel: Er passt immer. Kaufmann singt Lyrisches von Mozart, Dramatisches von Wagner, und bei Verdi nimmt man ihm den mediterranen Liebhaber ab.

Und er kann auch Lieder von Franz Schubert subtil interpretieren: Vor wenigen Jahren beeindruckte er mit der „Schönen Müllerin“, jetzt folgt „Die Winterreise“ nach. Diese stilistische Vielfalt findet man in der Welt des Gesangs nur wenige Male pro Jahrhundert.

Kein Wunder, dass in Kaufmanns Terminkalender nur noch Namen der weltweit bedeutendsten Häuser zu finden sind. Man muss weit reisen, um ihn live zu hören. Berlin, Baden-Baden, München und Paris sind die nächstgelegenen Destinationen. Ansonsten singt er in New York, Chicago und Sydney. Vor einigen Jahren noch gastierte er in der Tonhalle Düsseldorf. Doch mittlerweile fällt für die Städte unterhalb des Metropolen-Status’ nichts mehr ab von Kaufmanns Jahres-Kapazität.

Dank Ton- und Bildträgertechnik kann sich wiederum jeder Jonas Kaufmann ins eigene Wohnzimmer holen. Sein aktuelles Repertoire wurde soeben auf CDs, DVDs und Blue-ray Discs (BD) gebannt. „Kaufmann singt wie ein Gott“, urteilte das US-amerikanische Online-Magazin „Opera Today“ über seine Titelrolle in Richard Wagners Bühnenweihfestspiel „Parsifal“ an der New Yorker Met. Kaufmann wirkt hier smart wie ein Leinwand-Held. Zugleich fasziniert er mit seinem volltönenden Timbre, gepaart mit sehr differenzierter Artikulation.

Eben solche Begabung zur Feinzeichnung ist im Wagner-Fach selten so stark ausgeprägt, dass sie auch noch zum Liedersingen befähigt. Doch dieser Heldentenor übertönt nicht nur das Wagner-Orchester, er kann sein großes Stimmmaterial auch so feinsäuberlich ordnen und kanalisieren, dass es gerade noch in den kleinen Lied-Salon hineinpasst.

Schuberts „Winterreise“ wird eigentlich nie von Wagner-Tenören gesungen, sondern von Bariton-Sängern mit mäßig großer Stimme. Gewiss merkt man Kaufmann etwas die Mühe beim Leisesingen an, doch ist diese nicht vergebens. Ihm gelingt durchaus ein feines Piano, und es hat seinen besonderen Reiz, die enormen dahinterliegenden Potenziale an Dynamiksteigerung zu spüren. Wenn an bestimmten Stellen wirklich ein starkes Forte gefordert ist, kann Kaufmann fantastisch aus dem Vollen schöpfen — im Gegensatz zu den typischen Lied-Spezialisten.

Und dann Verdi: Kaufmann verfügt über den ganzen Schmelz fürs italienische Fach. Die Liebesarie des Radames aus „Aida“ gestaltet Kaufmann in seinem jüngsten Verdi-Album hoch emotional, glänzend, dabei markant männlich, so dass das Bild des sensiblen Heroen voll ausgefüllt wird.

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