Campino: "Ich bin nicht der Spaßvogel"

Campino: "Ich bin nicht der Spaßvogel"

Interview: Campino über die neue CD der Toten Hosen, den künstlerischen Umgang mit dem Altern und seine Zukunft als Schauspieler.

Campino, ihr hattet drei Jahre Bandpause. Sind Die Toten Hosen wieder für ein paar Wochen nach Barcelona gefahren, um sich neu zu entdecken?

Campino: Die Reise hat uns damals zusammengeschweißt wie ein Jugendherbergsausflug. Diesmal sind wir bewusst in Düsseldorf geblieben. Ich habe mich entschlossen, keine Tricks und Fluchten zu machen. Kein fremdes Hotelzimmer, kein Kloster.

Wo hast du denn diesmal gearbeitet?

Campino: Ich wollte diese Texte bewusst in dem Umfeld schreiben, in dem ich lebe, sprich: in meiner Wohnung. Nächsten Montag fängst du an, habe ich mir gesagt, und mich dann dabei erwischt, wie ich aufräume, den Kleiderschrank aussortiere, dann noch eine Leselampe für den Schreibtisch brauche. Aber am Mittwoch saß ich da - und es ging. Ich bilde mir ein, dass es wichtig war, sich zu Hause den Dingen zu stellen.

Es fällt gleich auf, dass es auf dem Album nicht ein einziges lustiges Lied gibt. Keine Jägermeister, Bayern oder arme Wale.

Campino: Wir wollten die Aussage nicht verwässern. Es ist ja nicht so, dass wir in der Vergangenheit nicht schweren Stoff geliefert hätten. Bei "Opium fürs Volk" ging’s um Moral und Glauben, aber dann musste noch "Zehn kleine Jägermeister" drauf. Ein Fremdkörper mit dem Signal: Nennt uns bloß nicht erwachsen. Jetzt wollten wir diese Spaß-Quote nicht mehr bedienen. Offenbar sind wir selbstbewusster geworden. Es ging darum, nicht mehr vorzugeben, als man ist. Es ist ein absolutes Die Toten Hosen-Album, viel stärker als andere.

Was macht ein echtes Tote Hosen-Album denn aus?

Campino: Wir meinen die Dinge, die wir sagen. Wir haben uns nicht hinter Worthülsen versteckt. Ich kann einen Text schreiben, der unangreifbar ist, aber in dem es eigentlich um nichts geht. Jetzt war das Visier auf. Bei "Tauschen gegen dich" habe ich zunächst niemanden vor Augen gehabt. Das war zu spüren. Also habe ich mich gestellt und befragt: An wen denkst du da?

Wer war es denn?

Campino: Genauso wichtig ist, dass man so etwas nicht mitteilen muss. Jeder hat beim Text seine eigene Interpretation - und die ist genauso gültig wie meine.

Thomas Mann hat dazu gesagt: "Autobiographie ist’s immer."

Campino: Das ist ein absolut zutreffender Satz. Klaus Maria Brandauer, der bei der "Dreigroschenoper" in Berlin mein Regisseur war, meint, dass er sich immer mit auf die Bühne nimmt.

Du hast alle Texte geschrieben. Es geht um Innerlichkeit: Abschiede, Einsamkeit, Tod. Ist diese Thematik immer wichtiger geworden, weil sie dir öfter begegnet?

Campino: Ja, das stimmt. Ich habe Respekt vor den "Ärzten", weil sie aus derselben Generation kommen wie ich und bei Leuten, die viel jünger sind, einen Nerv treffen. Aber ich könnte solche Lieder wie "Junge" nicht mehr schreiben. Mir schießen andere Gedanken durch den Kopf. Von dem, was mir widerfahren ist. Zum Beispiel die Geburt meines Sohnes oder der Tod der Eltern, der länger zurückliegt, aber nun anders verinnerlicht und verarbeitet wird. Ich überdenke durch die Geburt meines Sohnes das Verhältnis zu den Eltern, erlebe ein letztes Korrektiv, das zur Folge hat, dass man den Eltern auch viel mehr verzeiht, weil man nun selber in ihrer Position ist. Die Fürsorge ist eine Verantwortung, die ich an allen Ecken spüre.

"In aller Stille" klingt nach Beerdigung. Was sagst du Fans, die sich Sorgen um die Band machen?

Campino: Wir haben zurzeit eine Spiel- und Lebensfreude, man muss sich um uns keine Sorgen machen. Mir geht es gut, aber ich bin nun mal nicht der Spaßvogel, den viele Leute in mir sehen. Es wird für Die Toten Hosen als etablierte Band außerdem immer schwieriger, ein politisches Statement herauszuhauen. In den achtziger Jahren, als die Welt klarer aufgeteilt war, konnten wir eher plakativ sein. Heute wäre das eine Pose, auch eine Lüge.

War der Kanzler-Song über Schröder also missglückt? Ihr habt ihn auch ziemlich schnell live nicht mehr gespielt.

Campino: Vielleicht war er missglückt, weil er oft missverstanden wird. Viele haben nicht gesehen, dass dies eine Persiflage war auf einen oberflächlichen Menschen. Wir wollten zu Schröder nicht freundlich sein.

Auf dem neuen Album gibt es das Lied "Disco", einer von zwei Songs mit äußerem Bezug. Es hört sich an wie das Reqieum der Ausgehgesellschaft: viel Sex, viel Koks, große Ödnis.

Campino: So krass würde ich es nicht sehen. Ein Disco-Besuch ist eine sehr ambivalente Angelegenheit. Das Pendel schwingt zwischen Sexyness und Verblödung, so wie manche Menschen beim Schwitzen erotisch aussehen können und andere widerlich sind.

Gehst du heute früher nach Hause?

Campino (lacht): Das muss nicht sein. Ich gehe aber generell seltener aus. Allerdings: Wenn man dann unterwegs ist, sollte man auch das volle Programm buchen. Ich mag halbe Sachen nicht so gerne. Es kommt darauf an, mit wem man eine solche Nacht zelebriert. Eine gewisse Müdigkeit entdecke ich an mir mittlerweile schon. Nur aus einem Ritual heraus Freitag abends irgendwohin hinzugehen, obwohl man eigentlich gar keine Lust dazu hat, fällt heute aus.

Erstmals gibt es auf einer Hosen-CD ein Duett. Was hat dich daran gereizt?

Campino: Seit dem Tag, als Johnny Thunders mit Patti Paladin das Konzeptalbum "Copy Cats" veröffentlicht hat, war mir klar, dass ein gutes Duett etwas Fantastisches ist, obgleich es viele Gefahren birgt, schnell pathetisch oder kitschig klingt. Und: Welche Stimme im deutschsprachigen Raum ist nicht schon irgendwie besetzt, was würde sich nicht nach einer strategischen Marktüberlegung anhören? Ein Duett mit Nina Hagen oder Silbermond - das ist alles so abgefrühstückt. Es musste etwas Unverbrauchtes her, was nicht vom Lied ablenkt. Birgit Minichmayr, mit der ich bei der "Dreigroschenoper" viele Lieder gesungen habe, war die richtige Partnerin.

Früher wolltest du nicht mal ein Musikvideo drehen, jetzt hast du die Hauptrolle im neuen Film von Wim Wenders gespielt. Bist du noch ein schauspielernder Sänger oder schon ein singender Schauspieler?

Campino: Ich lebe in einem kleinen Zimmerchen in dem großen Haus "Sprache und Wort". Im selben Haus also, in dem auch die Schauspieler sind, nur auf einer anderen Etage. Von dort kommen meine Beiträge. Ich glaube nicht, dass ich bei den Toten Hosen gelandet bin, weil ich so hervorragend singen kann. Meine Stärke ist vermutlich die Kommunikation mit Menschen, mein intuitives Verhalten. Das passt deutlich mehr zu einer Rockband, als es zum Schauspielfach gehört, weil es dort um Authentizität und Glaubwürdigkeit geht. Diese Qualitäten sind beim Schauspieler zunächst nur innerhalb seiner Rolle verlangt. Seine Kunst besteht darin, völlig glaubwürdig unterschiedliche Charaktere spielen zu können.

Findet sich der Draufgänger Campino, der in die Menge springt und auf Bühnengerüste klettert, denn in dieser Welt zurecht?

Campino: Die Schauspielerei ist etwas sehr Kontrolliertes. Ich lerne da viel, aber mich treibt die ganze Zeit die Frage um, was bewusste Körpersprache eigentlich bedeutet. Geht sie zu weit, fängt da schon der Betrug an? Was ist, wenn ich jetzt hinausgehe auf die Bühne, nehme ich die Erfahrungen der Schauspielerei mit? 25Jahre haben Die Toten Hosen nur davon gelebt, raus zu gehen und einfach da zu sein.

Wim Wenders sieht dich als Schauspieler schon in Amerika. Gibt es Angebote?

Campino: Immer wieder. Aber es ist nicht meine Intention, sieben Zwerge im Wald oder andere Kassenschlager zu machen. Ein- bis Zweiminutenszenen, damit mein Name auf dem Plakat steht - das reizt mich nicht. Ich will keinen Agenten, spreche keinen Regisseur an und würde auch nie zu einem Casting gehen. Wer etwas von mir will, bekommt meine Nummer heraus. Wenn Konstellation und Stoff stimmen und es zeitlich passt, dann ist ein neuer Film möglich. Wenn nicht, werde ich nicht unglücklich.