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Calvin Harris: Ihm tanzen alle nach dem Synthie

Calvin Harris: Ihm tanzen alle nach dem Synthie

Um von Calvin Harris produziert zu werden, stehen Stars wie Rihanna, Ne-Yo oder Florence Welch Schlange. Mit Recht! Trotz Massen-Appeal bleibt der Mann ein Forscher.

Düsseldorf. Am Anfang war das Internet. Seinen ersten Plattenvertrag verdankt Calvin Harris der Plattform MySpace, die Mitte der Nuller-Jahre von zahlreichen Künstlern als Weg des Eigenvertriebs ihrer Musik genutzt wurde.

In der Isolation seiner schottischen Heimat veröffentlichte der Produzent mit Anfang 20 seine Tracks umsonst und für ein unbestimmtes Publikum. Hauptsache raus, ein Ventil für die Kreativität finden. An eine konkrete Karriere konnte er damals noch nicht ernsthaft denken.

MySpace, einst der Inbegriff von Trendbewusstsein, ist mittlerweile schon wieder in Vergessenheit geraten und dümpelt wie ein achtlos am Wegesrand zurückgelassenes Spielzeug im Netz vor sich hin. Doch Calvin Harris ist geblieben. Zufällig von den richtigen Leuten in den Weiten des World Wide Web entdeckt, gelangte der junge Musiker an einen Plattenvertrag.

Aus dem Sonderling, der im heimischen Keller an Liedern bastelt, wurde ein umjubelter Electro-Act im Stroboskop-Gewitter. Seit der Veröffentlichung seines Debütalbums „I Created Disco“ vor fünf Jahren zählt der Produzent zu den Spitzenkräften der europäischen Dance-Szene und kann heute, mit 28, bereits auf eine stattliche Reihe von Hits zurückblicken.

Neun seiner Singles schafften es unter die ersten Zehn der britischen Verkaufscharts, „Dance Wiv Me“ und „I’m Not Alone“ erreichten vor rund drei Jahren sogar die Spitzenposition. Auch auf dem aktuellen Album „18 Months“ sind mit „Let’s Go“ und „Feel So Close“ Stücke, die sich vor allem in Großbritannien schnell in der Dauerrotation von Clubs und Radiosendern befanden.

Beachtenswert am anhaltenden kommerziellen Erfolg des jungen Produzenten ist vor allem, wie Harris zielsicher den Geschmack der Dance-Gemeinde trifft, ohne musikalisch zu stagnieren. Schon früh begann der Schotte, analoge und digitale Elemente zu verbinden. Auf dem zweiten Album „Ready For The Weekend“ (2009) dominieren die live gespielten Instrumente.

Musikalisch verweist Harris auf 1970er-Disco-Klänge oder lässt in der Hitsingle „I’m Not Alone“ Anleihen aus New Wave und 1980er-Electropop einfließen. Stillstand ist ein Fremdwort für Calvin Harris. Nicht nur, dass seine Songs zum Tanzen gemacht sind — der Klang darf dabei nicht auf der Stelle treten.

Auch sonst ist Harris ein neugieriger Forscher. 2009 setzte er mit dem „Humanthesizer“ ein bis dato einzigartiges Projekt um. Mittels einer Gruppe Tänzer, leitfähiger Farben, Elektroden und allerhand technischen Geschicks baute der Musiker den ersten menschlichen Synthesizer der Welt. Im Video zur Performance sieht man eine beeindruckende Versuchsanordnung und einen Künstler, der — einem verschrobenen Wissenschaftler gleich — mit glänzenden Augen seine Erfindung präsentiert.

Hört man das neue Album „18 Months“, scheint Harris jedoch die Abgeschiedenheit des Labors satt zu haben. Die neuen Stücke drängen ins flackernde Licht der weltweiten Großraumdiscos. Die Vorabsingle „Feel So Close“ begeistert seit dem letzten Sommer die tanzende Jugend in Großbritannien mit einem ansteckenden Chorus und der Wucht der Bässe. Man fühlt sich nicht nur bei diesem Song an den deutschen Erfolgsproduzenten Alex Ridha alias Boys Noize erinnert. Synthesizer und treibende Beats halten Einzug in den Dance-Kosmos von Harris.

Dem Zeitgeist dicht auf den Fersen, erhöhte er die BPM-Zahl (Beats per Minute = Basslaute pro Minute), und er lässt nun House und Techno-Einflüssen mehr Raum. „Four-To-The-Floor“ nennt man derartig konsequente Rhythmen in Fachkreisen.

Bei aller Fokussierung auf das Tanzbein bleibt der Schotte auch auf Album Nummer drei ein Freund der Gegensätzlichkeit. Als Gäste hat er sich daher so unterschiedliche Stimmen wie den amerikanischen R’n’B-Sänger Ne-Yo, die Pop-Diva Florence Welsh (Florence & The Machine) oder den britischen Rapper Tinie Tempah eingeladen.

Die Neugier von Adam Richard Wiles scheint noch lange nicht gestillt. Der Weg des Calvin Harris geht weiter.

calvinharris.co.uk