Bosse: Einmal nicht an die Charts denken

Bosse: Einmal nicht an die Charts denken

Mit „Wartesaal“ gelang Bosse 2011 endgültig der Durchbruch. Jetzt erscheint sein fünftes Album. Im Interview spricht er über Ängste, Erfolg und Müßiggang.

Düsseldorf. Axel Bosse, warum haben Sie das neue Album „Kraniche“ genannt?
Axel Bosse: Ich habe mal ein Video in Tokio gedreht. Dort entdeckte ich in einer Bibliothek ein ganzes Regal, das der Mythologie der Kraniche gewidmet war. Als Andenken nahm ich mir ein Buch mit, darin ging es auch um Glück, aber vor allem um Langlebigkeit. Irgendwann hatte ich in Brandenburg mein erstes richtiges Naturerlebnis mit Kranichen. Dort treffen sich einmal im Jahr zur Brutzeit Millionen. Dieses Bild habe ich schließlich in den gleichnamigen Song einfließen lassen. Außerdem ist „Kraniche“ einfach ein krasses, außergewöhnliches Wort. Es kratzt beim Aussprechen. Wenn man Husten hat, sollte man es lieber nicht sagen.

Wie wichtig sind Ihnen die Texte im Vergleich zur Musik?
Bosse: Bei mir steht und fällt der ganze Laden mit dem Text. Aber bei den Konzerten ist auch die Musik enorm wichtig. Wenn ein Song einen schlechten Text hat, dann funktioniert er für mich nicht. Wenn die Mucke schlecht, der Text aber ziemlich gut ist, wäre das für mich persönlich durchaus ein Anreiz, eine Platte zu kaufen.

Sie singen eine Ode an die Muße. Inwieweit ist Müßiggang im Leben eines erfolgreichen Künstlers überhaupt möglich?
Bosse: In meinem Leben sowieso nicht. Ich muss mich immer zusammenreißen, um das Nichtstun hinzukriegen. Meine Frau versteht überhaupt nicht, dass ich mich zügeln muss, um das Leben zu genießen. Nach meiner letzten Tour fing mein Kehlkopf an zu schmerzen. Daran habe ich gemerkt, dass ich abbrechen und 2000 Leute nach Hause schicken muss. Eine Tour ist wie ein Kartenhaus: Wenn man eine Karte herauszieht, bricht alles zusammen.

Gibt es etwas, das Sie an Ihrem Job überhaupt nicht mögen?
Bosse: Was ich überhaupt nicht mag, ist, dass dieser Job die ganze Zeit da ist. Ich sehne mich manchmal nach einer Tätigkeit, bei der man um 17 Uhr alles weggeheftet hat. Und wenn ich heute nicht alles geschafft habe, mache ich eben morgen weiter. Das ist genau das Gegenteil von meinem Beruf, den ich ja liebe. Aber gelegentlich möchte ich einmal nicht an die Charts denken.

Wie wichtig ist Ihnen Erfolg?
Bosse: Ich bin davon abgekommen, irgendetwas unbedingt halten oder immer mehr zu wollen. Aber kämen zu meinen Konzerten plötzlich nur noch 80 Leute, würde mir das Angst machen.

Was nervt Sie gegenwärtig in diesem Land?
Bosse: Was mich nervt, sind diese Debatten, die sich innerhalb von drei, vier Tagen aufbauen, aber bereits am fünften Tag wieder aus den Medien verschwunden sind. Die werden niemals ganz ausdiskutiert. Das finde ich penetrant.

Wer als Musiker künstlerisch weiterkommen will, muss risikobereit sein. Wie schafft man das?
Bosse: Fürs Songschreiben muss ich mich einfach locker machen. Ich kann weder sagen, warum eine Nummer im Radio funktioniert, noch, warum sie links außen bleibt. Ich bin immer total froh, wenn ich überhaupt wieder einen Song geschrieben kriege.

Sind die Zeiten der seichten Dudel-Musik im Radio allmählich vorbei?
Bosse: Ja, finde ich schon. Ich bin mit der Band Boy befreundet, die sehr hochwertige Radiomusik macht. Deren Bassistin Sonja Glass spielt auch in meiner Band. Sonja und Sängerin Valeska wurde anfangs von allen Plattenfirmen gesagt, sie würden mit ihrer Musik keinen Blumentopf gewinnen. Aber Herbert Grönemeyer wollte Boy unbedingt haben.

Ihr Album wurde von Philipp Steinke produziert, der auch bei Boy hinter den Reglern saß.
Bosse: Ich kenne Philipp schon seit zwölf Jahren. Ich bin jemand, der alles alleine schreibt. Aber ab einem gewissen Punkt brauche ich einen Produzenten, dem ich vertraue, mit dem ich über die Musik und die Texte reden kann. Und Philipp ist einfach ein tierisch guter Musiker mit unfassbar vielen Ideen.

Was gab Anlass, den Song „Alter Affe Angst“ zu schreiben?
Bosse: „Alter Affe Angst“ ist ein Ausdruck, den mein Vater früher öfter gebraucht hat. Es geht um Angst und Verlustangst. Und kurz vor der Geburt meiner Tochter hatte ich das erste Mal in meinem Leben Existenzängste. Damals war gerade mein zweites Album so richtig gefloppt und ich fing an, mir Gedanken über Verantwortung zu machen.

Was ist Ihre größte Sorge?
Bosse: Dass meine engsten Leute nicht gesund bleiben. Ich selbst war noch nie in einer wirklich extremen Situation, noch nie in Lebensgefahr. Aber bei mir im Freundeskreis geht es jetzt langsam mit den Krankheiten los, die man kriegen kann, wenn man die 35 überschritten hat.

Es wirkt immer so leicht und locker, wenn Sie auf der Bühne stehen. Ist es das denn wirklich?
Bosse: Ehrlich gesagt: Ja. Mit 13 bin ich schon auf dem Hurricane-Festival aufgetreten und mit 17 war ich im Micky-Maus-Club. Mir kann niemand so schnell etwas vormachen. Meine Anspannung ist immer positiv. Bevor ich auf Tour gehe, mache ich mich fit. Die Plauze muss dann weg.

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