Als die Gitarren das Jaulen lernten

Als die Gitarren das Jaulen lernten

Ohne Stromverstärkung wäre die populäre Musik undenkbar. Vor 90 Jahren fing alles an — mit einem umgebauten Plattenspieler.

Düsseldorf. Ohne sie wäre Gitarrenlegende Jimi Hendrix wohl nie berühmt geworden, und auch Stones-Gitarrist Keith Richards hätte nie den Rock-Olymp erklommen.

Kaum ein Instrument hat die Welt so nachhaltig verändert wie die elektrische Gitarre. Ihr Klang hatte die Wucht einer Kulturrevolution.

Kaum zu glauben, dass bereits zu Urgroßvaters Zeiten akustische Gitarren mit E-Verstärkung gespielt wurden. Neun Jahrzehnte später umgibt die E-Gitarre noch immer eine mystische Aura.

Am Anfang stand die Sehnsucht nach Lautstärke: Mitte des 19. Jahrhunderts suchten Instrumentenbauer nach Möglichkeiten, der zarten und leisen Akustikgitarre lautere und vielseitigere Klänge zu entlocken. 1840 gestaltete Christian Friedrich Martin den hölzernen Korpus so um, dass man ihn mit Metallsaiten bespielen konnte.

Dadurch erreichten die Instrumente des in die USA ausgewanderten Gitarrenbauers aus Markneukirchen im Erzgebirge eine viel höhere Lautstärke.

Bis zur elektrischen Gitarre vergingen aber mehr als 80 Jahre: 1923 präsentierte der leitende Ingenieur des Gitarrenherstellers Gibson, Lloyd Loars, Versuche mit den ersten elektromagnetischen Tonabnehmern.

Ein von ihm entwickelter Sensor, der die Deckenschwingungen des Saiteninstrumentes in ein elektrisches Signal transformieren konnte, ließ sich am Markt aber nicht durchsetzen.

Auch der Texaner George D. Beauchamp war besessen von der Vorstellung einer elektrisch verstärken Gitarre. Er kam 1924 auf die Idee, die Schwingungen der Saiten seiner Steel-Gitarre direkt am Entstehungsort abzugreifen. Dazu befestigte er den elektromagnetischen Tonabnehmer eines Plattenspielers an seinem Instrument. Um seine Innovation zu vermarkten, brauchte der Nachwuchstüftler kompetente Unterstützung.

Fortan feilte er gemeinsam mit dem Schweizer Emigranten Adolph Rickenbacker an einem Serienmodell. Der Holzklotz fing sich aufgrund seines kreisrunden Korpus‘ den Namen „Bratpfanne“ ein. 1931 entwickelte das Duo einen Tonabnehmer, der sich die Schwingung von Saiten direkt zunutze machte.

Damit war die erste serienmäßige elektrische Gitarre erfunden. Nach dem Vorbild der Rickenbacker Electro A-22 funktionieren auch heute noch fast alle Stromgitarren. Da Rickenbacker gute Beziehungen hatte, erklang seine „Volksgitarre“ alsbald auf zahlreichen Hits.

Damit war der Siegeszug der elektrischen Gitarre als Herz einer kulturellen Revolution nicht mehr aufzuhalten. Die Medien schlugen Kapital aus dem Image des rebellischen Rock’n’Rollers mit Lederjacke, Motorrad — und E-Gitarre.

In ihren frühen Tagen spielten die Beatles gleich diverse Rickenbacker-Modelle. Allein John Lennon besaß vier davon. Jimi Hendrix war Mitte der 60er der erste, der seine Fender Stratocaster so spielte, als stünde er selbst unter Strom.

Der große Les Paul (siehe Kasten) hatte sie alle überlebt. Das erst vor vier Jahren im hohen Alter von 94 gestorbene Multitalent war nicht nur ein technischer Innovator, er war auch musikalischer Begleiter von Frank Sinatra, Django Reinhardt und Bing Crosby.

Bis ins hohe Alter trat er in Clubs auf — trotz Arthrose in den Fingern. „Ich spiele mit den Fingern, die mir noch geblieben sind“, sagte er in einem Interview mit der Washington Post.

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