All The Little Lights von Passenger: Tief aus dem Herz eines Vagabunden

All The Little Lights von Passenger: Tief aus dem Herz eines Vagabunden

„Let Her Go“ von Passenger ist der Überraschungshit des noch jungen Jahres. Das dazugehörige Album hält, was der Song verspricht.

Düsseldorf. Phänomene gibt es wie Sand am Meer. Oft verglühen sie, ohne jemals richtig gezündet zu haben. Schwieriger ist es, sich im Geschäft zu halten. Statt einen Trend zu schaffen oder ihm hinterherzuhecheln, machen sich manche Musiker auf die Ochsentour — und starten erst wesentlich später durch.

Mike Rosenberg ist so ein Fall. Der britische Liedermacher schießt mit seiner Single „Let Her Go“ und dem dazugehörigen Album „All The Little Lights” erst jetzt ins kollektive Bewusstsein — und das, obwohl sein Soloprojekt Passenger schon gut zehn Jahre alt ist. Damals jedoch war die Band noch viel größer: erst ein Duo, dann ein Quartett und zwischendurch sogar ein Fünfergespann.

Gegründet hat der Sänger und Songschreiber die Indiefolk-Gruppe im englischen Seebad Brighton. Gemeinsam mit Komponist Andrew Phillips begann er 2003 in dessen Studio an eigenen Musikstücken zu arbeiteten. Die zwei stellten eine Combo zusammen, tauften sie schließlich Passenger und ergatterten einen Plattenvertrag. Kurz nach der ersten Veröffentlichung, dem von Kritikern gelobten Debüt „Wicked Man’s Rest“ von 2007, kam es jedoch schon zur Auflösung: Phillips verließ die Band und überließ Rosenberg nur noch den Namen.

Orientierungslos tingelte er, zum Einzelpassagier verkümmert, monatelang durch Clubs in Brighton und London — dort, wo jeder, der will, mal ans Mikro darf. Doch ernüchtert stellte er fest, dass keiner ihm wirklich zuhören wollte. Da konnte er gleich auf der Straße spielen und versuchen davon leben.

Das tat er — und fand Gefallen daran: „Straßenmusiker zu sein, zahlt sich in jeder Hinsicht aus“, schwärmt er heute von der Zeit, die noch gar nicht so weit zurück liegt und in der er wie ein Vagabund durch die Städte der Welt reiste.

Seine Begeisterung für die im Englischen als „busking“ bezeichnete Tätigkeit erklärt der heute 29-Jährige bescheiden aus seiner Sicht: „Wohl jeder Musiker stellt sich einmal die Frage: Wie kann ich mich hundertprozentig meiner Musik widmen, ohne dabei zu verhungern? Wenn man Straßenmusiker ist, kann man Geld verdienen, seine Songs spielen und gleichzeitig seine Fangemeinde erweitern. So muss man nicht mehr vierzig Stunden bei einer Fast-Food-Kette oder in einem Café arbeiten, um seine Fixkosten zu decken.“

Vielmehr war Rosenberg auch in der Lage, bei seinen Live-Auftritten in Fußgängerzonen genug Leuten das Klimpergeld aus den Taschen zu singen, um dem kalten europäischen Winter nach Australien zu entfliehen — eine gute Entscheidung für ihn. 2009 traf er dort Gleichgesinnte, machte das Land zur Wahlheimat und schrieb wieder neue Songs.

Zusammen mit befreundeten Musikern der lokalen Indie-Szene wie Boy & Bear, Katie Noonan oder Kate Miller-Heidke schuf er zwei selbstproduzierte Passenger-Alben: das in Australien überaus erfolgreiche „Flight Of The Crow“ und eines, das nur für Fans gedacht war.

Die Lehrzeit zahlt sich nun endgültig aus: Nummer eins in den Niederlanden, Belgien und Skandinavien — und auch in Deutschland sind „All The Little Lights“ und die Single „Let Her Go“ in den Spitzenregionen der Charts unterwegs. Trotzdem ist Rosenberg immer noch verwundert darüber, wie schnell Dinge sich verändern können und wie groß der Unterschied zwischen einem Straßengig und seinen heutigen Konzerten vor regelmäßig mehr als 1000 Besuchern ist.

Die Schönheit der zwölf Songs von „All The Little Lights“ entspringt federleichten Melodien und unangestrengter Natürlichkeit. Ihre folkige Stimmung entfaltet sich aus klaren Akustikgitarren und Rosenbergs charakteristischem Gesang.

Doch auch ihre Texte gehen ins Ohr. In den kurzen Geschichten, die der Künstler auf seinen Reisen aufgeschnappt hat, ruhen kleine lebensbejahende und manchmal recht humorvolle Botschaften. Und selbst wenn die Produktion viel größer war und die Musik auffällig moderner klingt als der 1960er-Jahre-Sound der Vorgängeralben, so hört man doch immer noch Rosenbergs sanftes Herz eines Vagabunden heraus.

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