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Multimediale Installation in der Kunstsammlung NRW: Schlingensiefs „Kaprow City“

Multimediale Installation : Die Kunstsammlung NRW zeigt Schlingensiefs „Kaprow City“

In der Kunstsammlung ist jetzt eine multimediale Installation zu sehen: Christoph Schlingensiefs „Kaprow City“ wirkt spontan dahingestellt wie Off-Kunst.

Bilder flimmern hinter Plastikfolien. Im Kreis angeordnet, stehen sieben Bretterbuden, wild bemalt mit Totenköpfen oder dekoriert mit Riesen-Fotos von Schauspielern und blutbeschmierten Porträt-Bildern. Die Stände mit Filmprojektionen wirken spontan dahingestellt, provisorisch. Fast wie auf einem Jahrmarkt der Off-Off-Kunst. In der Kunstsammlung Düsseldorf wird in diesen Monaten gleich an zwei Kunst-Verstörer erinnert: mit einer Retrospektive an Joseph Beuys zum 100. Geburtstag sowie an Christoph Schlingensief (1960-2010), der mit knapp 50 Jahren an Krebs starb.

Das Beuys-Motto „Jeder Mensch ist ein Künstler“ passt gut zur Arbeit und zum Selbstverständnis des Filmemachers und berühmt-berüchtigten Theater- und Opern-Regisseurs Schlingensief, der, ähnlich wie Beuys, mit Kunstaktionen das Publikum überraschte: 2003 bei der Biennale in Venedig, 2004 bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen. Die Gipfel der Musiktheater-Hochkultur erklomm der Apothekersohn aus Oberhausen auch mit einer „Parsifal“-Inszenierung (2004-2007), mit der er es bis in die Gralsburg Bayreuth geschafft hat.

Doch weniger um diese damals aufscheuchende Parsifal-Regie, in der alles gleichzeitig zu geschehen schien, geht es jetzt in der großen Halle von K 20. Vielmehr steht Schlingensiefs Theaterarbeit „Kaprow City“ im Mittelpunkt: Im Jahr 2006 kreierte er sie für die Berliner Volksbühne, als Hommage an den New Yorker Allan Kaprow (1927-2006), der mit spektakulären Kunst-Happenings schon in den 1950ern provozierte. Auf kreisender Bühne führte Schlingensief Besucher in sieben mit Theater-Requisiten ausgestatteten Bretter-Verschläge, in denen alte Schwarz-Weiß-Filme flimmerten. Am Ende der Vorstellung hatte jeder etwas anderes gesehen. Die zitternden Film-Bilder sind so stark überblendet, dass die Konturen vor dem Auge verschwimmen.

Das Bühnenbild dazu zeigte Schlingensief kurz darauf als Installation im Migros-Museum in Zürich – als Eröffnungs-Installation in seiner ersten Werk-Retrospektive („Querverstümmelung“) in einem Museum. Diese ist jetzt in Düsseldorf zu erleben. Das Außergewöhnliche daran: In den einzelnen Abteilungen sind Film-Ausschnitte, Porträts und Requisiten zu sehen, mit denen Schlingensief auf seine früheren Werke, wie auch seine Biografie und Familie verweist. So laufen in einer Dauerschleife auf der Rückwand der Halle alte Super-Acht-Filme, auch mit Klein-Christoph, die sein Vater (2007 verstorben) als leidenschaftlicher Filmamateur gedreht hatte.

In den Kojen sind aber auch Bezüge zu seiner Inszenierung der Oper „Freax“ von Moritz Eggert oder an seinen Film von 2006 über die letzten Stunden von Lady Diana im „Ritz“ (in der Koje mit Leuchtschrift „Ritz“) zu erkennen, in der Jenny Elvers Elbertzhagen die Titelrolle spielte. Damals schockierte er mit ihrer Besetzung Cineasten.

Ein Markenzeichen von Schlingensiefs Theater- und Filmarbeiten sind nicht nur seine manchmal überraschenden Besetzungen, sondern auch die Tatsache, dass er häufig Profidarsteller und Laien engagierte, die ein körperliches oder geistiges Gebrechen haben. Die künstlerische Arbeit mit Behinderten war für ihn selbstverständlich.

Einfach machen es Schlingensief und die Ausstellungsmacher dem Besucher nicht. Man muss sich einlassen auf Verwirrspiele, surrende Geräusche, Kreuz- und Querverweise. Die Info-Tafeln sollte man schon lesen, wenn man sich auf die Suche begibt nach dem Phänomen Schlingensief, nach seinem Humor und seinem gesellschaftspolitischen Engagement. Und einen Mann verstehen will, der dem Zuschauer meist entgegenwarf „Mach Dir selbst Deinen Reim darauf.“ Es ist jedenfalls eine Abenteuerreise, die sich lohnt, wenn man Muße und Energie mitbringt.

Zustande gekommen ist die Installations-Schau durch die Mitarbeit von Schlingensiefs Witwe, der Bühnenbildnerin Aino Laberenz. Initiiert durch K20-Direktorin Susanne Gaensheimer, die Schlingensief 2011 für den deutschen Pavillon der Biennale in Venedig engagiert hatte. Der Künstler lebte jedoch bei der Eröffnung schon nicht mehr.

Die Ausstellung ist derzeit wegen der Pandemie nicht zu sehen. Nach dem Lockdown ist sie bis zum 17. Oktober geplant. Seit dem Wochenende ist die Schau auch online in einer dreidimensionalen Digital-Präsentation zu sehen.

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