Einmaliger Rock-Ausflug : Mit KISS auf Kreuzfahrt - Eine schrecklich nette Familie

Einmaliger Rock-Ausflug : Mit KISS auf Kreuzfahrt - Eine schrecklich nette Familie

Ein Traumschiff der etwas anderen Art: Die „Kiss Kruise“ ist eine fünftägige Kreuzfahrt durch die Karibik. An Bord mit der Rocklegende Kiss und 2400 ihrer größten Fans.

Für Heranwachsende in den siebziger und achtziger Jahren, die ihren Eltern den ausgestreckten Mittelfinger zeigen wollten, war die Rockgruppe Kiss wie eine Religion. Einer Band, die Superhelden aus einer düsteren, halbseidenen Galaxie bestand und kompromisslos Hedonismus als einzig wahren Lebensentwurf predigte.

Deren Songinhalte sich auf zwei zentrale Themen beschränkten: partymachen und vögeln, vögeln und partymachen. Weil sich doch über nichts so facettenreich texten lässt, wenn die Worte zudem mit harten Beats unterlegt sind, wie über das kraftvolle Gefühl reiner Exstase. Wer selbst in Englisch nur mit Hängen und Würgen über die Runden kam, konnte sich zusammenreimen, was Kiss-Frontmann Paul Stanley plante, wenn er im Evergreen „I was made for loving you“ verkündete: „Tonight/i wanna give it all to you/In the darkness/there’s so much I wanna do…“ oder einer ungenannten Dame attestierte „You pull the trigger of my: Love Gun.“

Was für eine Idee: Fans auf Kreuzfahrt mit ihren Helden. Foto: Tim Jürgens

Kiss ließen nie einen Zweifel aufkommen, dass es ihnen um viel mehr ging, als um heiße Rhythmen und schlüpfrige Texte. Nein, Kiss waren angetreten, um alle konventionellen Leitplanken des Rock’n’Roll im Handstreich über den Haufen zu fahren. Ein musikalischer Comicstrip, in dem Bratakkorde Explosionen verursachten, wabernde Bass-Sequenzen die Musiker dazu brachten, Blut und Feuerfontänen zu spucken, bis am Ende jede Show die vier Protagonisten auf ihren Plateaustiefeln schwankend im Konfettiregen untergingen und die ganze Halle im Chor sang: „I wanna Rock’n’Roll all nite – and party every day.“

Wer das erste Mal an Bord geht, ist jetzt ein „Sailor“

In voller Fan-Montur wohnen die Kreuzfahrer dem alltäglichen Kiss-Wahnsinn auf dem Dampfer bei. Foto: Tim Jürgens

Gene Simmons, Bassist der Band und die wohl schlabberigste Zunge der Rockgeschichte, hat gesagt: „Warum gibt es Kiss-Flipper, Kiss-Wein und Kiss-Schlüpfer, warum gibt es das nicht von R.E.M.? Because Kiss can!“ Kein Wunder, dass Kiss seit 2011 einmal jährlich um „Helloween“ herum mit einem Teil ihrer Gefolgschaft auch zu einer Kreuzfahrt aufbrechen.

Ein Ticket für die „Kiss Kruise VIII“ zu bekommen, die in diesem Jahr von Miami über Key West auf die Bahamas führt, ist nicht einfach. Die Band hat Fans auf der ganzen Welt und beschallt bei Deutschland-Konzerten bis zu 15 000 Zuschauer pro Abend. Da sind 2400 Kabinenplätze an Bord der „Norwegian Jade“ nicht mehr als ein Kajalstrich verglichen mit den Tonnen von Schminke in den Gesichtern der Musiker.

Wer einen der je nach Kategorie zwischen 1800 und 6000 Euro teuren Kabinenpass will, muss sich frühzeitig auf Anwärterlisten im Internet schreiben und, wenn der Verkauf startet, binnen weniger Tage zugreifen. Die-Hard-Fans sparen das ganze Jahr, um in der Abgeschiedenheit der karibischen See ihren Helden näher zu kommen. Denn soviel ist sicher: Sollte der bunte Vergnügungsdampfer untergehen, kann man sich wenigstens damit trösten, dass auch Gene, Paul, Tommy und Eric mit die Tiefen des Ozeans hinabfahren. An Bord weiß jeder, dass die Vier während der Tage auf See mit ihren Familien oben auf Etage 14 residieren, vor wo sie hinterm Sichtschutzglas das Gewusel auf dem Pooldeck stets im Blick haben.

Kiss riefen schon in den Siebzigern mit der „Kiss Army“ einen global organisierten Fanclub ins Leben. Treue wird belohnt in der Korporation. Heißt: Wer schon einmal bei  einer „Kiss Kruise“ dabei war, hat ein Vorkaufsrecht. Mit jeder Buchung steigt man in der Hierarchie auf – bekommt mehr Privilegien und wertigere Kiss-Devotionalien, die jeder Passagier allabendlich vorm Schlafengehen in seiner Kabine vorfindet. Wer das erste Mal dabei ist, geht als „Sailor“ an Bord und trifft dort „Lieutenants“, „Commanders“, „Admirals“ und andere Dienstgrade der „Kiss Navy“. Und jeder blickt ehrfürchtig auf den Boarding Pass um den Hals der „Combat Officers“, derer die bei allen acht Kreuzfahrten dabei waren.

Paul Stanley lädt zum Kochkurs in den Theatersaal

Wer sich die Reise nur als dumpfes, bierseliges Heavy-Metal-Festival vorstellt, täuscht sich. Die Kruise ist wie ein Ausflug mit der Großfamilie. Hier treffen sich Afficinados aus USA, Australien, Südamerika und Europa, die sich sonst nur aus den Fanforen kennen. Natürlich werden am Pool auch Caipirinhas geext, aber die zahlreichen Termine mit den Musikern und ihren Adepten halten die Passagiere derart auf Trab, dass für Vollsuff kaum Zeit bleibt: Paul „The Starchild“ Stanley lädt zum Kochkurs in den Theatersaal.

Dass der Shouter eher ein Hobby-Gourmet ist, der für eine gute Pastasauce nur Käse, Käse, Knoblauch, Tomaten und nochmal Käse braucht, tut gar nichts zur Sache. Hauptsache er stellt sich geduldig den Fragen des Auditoriums. Drummer Eric Singer prämiert beim Drumworkshop den Fan-Schlagzeuger, der on stage am derbsten losbrettert, mit einer Trommel. Der notorische Angeber Gene Simmons erzählt in einem Vortrag aus seinem erfolgreichen Leben als Geschäftsmann und erklärt im Nebensatz, dass er Geldverdienen derart liebt, dass er Urlaub schlichtweg für Schwachsinn hält. Was bei einigen Zuhörern gegenüber im Jacuzzi für Unmut sorgt und den obercoolen Basser mal kurz in Erklärungsnot bringt.

Simmons ist inzwischen 69. Er trägt eine schwarze Sonnenbrille, einen pudelartigen Fiffi und eine Plauze unterm Hemd, aber in seinen verrückten Jahren führte er Buch über nominell 3000 Groupies, denen er per Polaroid in einem Fotoalbum ein zweifelhaftes Denkmal setzte. Der Legende nach soll er das Album verbrannt haben, als er seine heutige Gattin kennenlernte, die Ex-Playmate Sharon Tweed, die ihm, während er von seiner Liebe zu Geld spricht, vor der Bühne mit einem Gin Tonic zuprostet. Seinen sympathischsten Moment auf der Reise hat Gene Simmons, als er in einer Morgenandacht als dämonischer Priester an einem blumenverzierten Katheder den Liebesschwur mit den anwesenden Paare erneuert: Die Leute sprechen ihm Verse aus Kiss-Songs nach, triefend vor sexuellen Anspielungen, und statt „Amen“ beschließt Simmons die Prozession mit einem kernigen „Oh yeah“.

Als das Schiff aus dem Hafen von Miami ausläuft, spielen Kiss in der Abendsonne am Pool ihren ersten von insgesamt drei Gigs. Viele Zuschauer müssen mit begehbaren Koffern angereist sein. Sie tragen nicht nur das Make-Up aus der glorreichen Zeit, sondern auch die mit Strass, kleinen Spiegeln und sonstigen Applikationen besetzten Spandex-Kostüme inklusive der bekloppten Raumfahrer-Plateaus. Die Fans nutzen die Reise offenbar, um hier fernab des Alltags in die Rolle ihres Parallel-Ichs abzutauchen. Eine Traumwelt, in der sie als Kiss-Wiedergänger existieren, als „Starchild“, „Catman“, „Spaceman“ oder als „Demon“. Im Restaurant sitzen maskierte Japaner in den Outfits der ersten Fernosttournee in den Siebzigern.

Ein riesiger „Catman“ schlendert mit seinem Dreijährigen, ebenfalls in voller Montur, durch die Ausstellung von Stanleys Hobby-Malerei. Beim allnächtlichen Karaoke im Bauch des Schiffes finden sich vier perfekt ausstaffierte Look-A-Likes als Band zusammen. Sie kennen sich nicht, stammen alle von unterschiedlichen Kontinenten und singen trotzdem inbrünstig gemeinsam „Calling Dr. Love“ („The first step of the cure is: a kiss!“). Und treffen dabei keinen richtigen Ton. Ein großer Spaß und eine Gehirnwäsche der metallenen Art. In den Zimmern laufen rund um die Uhr auf zwei TV-Kanälen Kiss-Videos. Betritt man den Kabinengang oder die öffentlichen Toiletten, zischeln auch hier in Dauerschleife die Songs der Band aus den Boxen. Und an Deck aalen sich derweil verwaschene Bilder auf knautschiger Haut und künden von Zeiten, als Tattoos noch keine Modeerscheinung waren, sondern Symbol einer tiefempfundenen, die Dekaden überdauernden Verbundenheit.

Zwei heutige Bandmitglieder gehören zur Urbesetzung

Während vor der Bühne die Community feiert, kommt es oben ebenfalls zur Familienzusammenführung. Hinter der Vergnügungsparkfassade der Band spielten sich über die Jahre viele Dramen ab. Von der Urbesetzung, die 1973 in New York zusammenkam, sind heute nur noch Stanley und Simmons übrig. Drummer Peter Criss und Gitarrist Ace Frehley mussten die Band verlassen, weil sie vom süßen  Rockstarleben etwas zu viel wollten. Drogen, Alkohol, zu Schrott gefahrene Sportwagen, zerstäubter Reichtum, das volle Programm. Als Kiss in den Neunzigern das Make-Up-Brimborium nach zehn maskenfreien Jahren reaktivierten, durften sie einige Zeit wieder mitmachen. Doch schnell war klar: Disziplinierter waren die beiden mit den Jahren nicht geworden.

Seit 12 Jahren ist Ace Frehley nun clean, er produziert alle zwei Jahre ein belangloses Album und tritt erstmals im Rahmen der „Kiss Kruise“ mit eigener Band auf. Auf dieser Familienfeier ist er der schräge Großonkel, der komische Sachen macht, aber trotzdem irgendwie liebenswert ist. Jeder vor der Bühne weiß, dass Frehley wie eine lose Kanone an Deck agiert, dass er selten übt und sich auf seine Intuition verlässt. Was in schlechten Momenten Fremdschämcharakter, in guten aber einen großen Reiz besitzt. Zumal die Masken-Shows, die Kiss in diesen Tagen im großen Theater des Schiffs spielen werden, weitgehend einem seit den Siebzigern festgelegten Schema folgen: Blut, Feuer, Explosionen, Lametta und dazu Hits, Hits, Hits.

Bei der Eröffnungsshow steht Frehley plötzlich gewohnt desorientiert bei seinen alten Kumpanen aus vergangenen Jahrzehnten auf der Bühne und spielt ungeprobt ein paar Songs mit. Paul Stanley stellt dem Ex-Mitstreiter in Roadiemanier den Mikrofonständer gerade. Frehley giggelt hintersinnig: „I still have it“. Großes Gelächter. Ace nu‘ wieder. Es sind Momente wie diese, die von allen begierig aufgesogen werden und die Kruise zu einer großen Party von alten Freunden machen, die seit Jahrzehnten von einer Leidenschaft beseelt sind.

Die Tagesflüge in Key West und Nassau auf den Bahamas, sind für die meisten hier nur Staffage. Schließlich geht es auf dieser Reise auch darum, die Zukunft zu bestimmen. Denn Kiss haben für 2019 eine Abschiedstour angekündigt: Für die „End of the Road“-Tour wird das Spektakel ein allerletztes Mal für drei Jahre um den Erdball reisen. Der jahrzehntelange Zirkus zehrt bei Stanley und Simmons erkennbar an der Konstitution. Die zentrale Frage, die an Bord viele umtreibt: Was soll nur werden, wenn die Tour zuende ist? Kiss-Manager Doc McGhee stellt sich den Fragen im zum Bersten gefüllten Salon. Der Impressario, der schon Bon Jovi und Guns’n’Roses zu Weltstars machte, beschwichtigt die Gemüter: Noch ist längst nicht klar, wo genau am Ende das allerletzte Konzert stattfinden wird. Und er versichert: „Die Kruise wird weitergehen.“ Aufatmen im Publikum.

Am letzten Abend hat sich die Eventabteilung noch ein Schmankerl überlegt: Auf der Poolbühne sollen Fans zu Songs der Band lippensynchron eine Performance abziehen. Aber am Ende gewinnt den Wettbewerb ein breitbeiniger Paul-Stanley-Wiedergänger, der beinahe über seine hohen Stiefelabsätze stolpert. Als Paul Stanley ihm gratuliert, kreischt er ins Publikum: „We see you all on Kiss Kruise IX.“ Am 30. Oktober 2019 legt der heißeste Karneval der Musikwelt wieder in Miami ab. Viele wissen, dass sie wieder dabei sind – befördert zum nächsthöheren Dienstgrad. Gene Simmons wird es freuen, denn wie sagte er noch bei seinem markigen Business-Vortrag: „Live hard, work hard, love hard, make money – and then die happy“.

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