Autorengespräch Ein Nachmittag mit Martin Suter

ESSEN · Der Schweizer Erfolgsautor beim Literaturfestival lit.Ruhr in Essen.

Ein Literaturfestival kann nicht nur Köln mit seiner lit.cologne ausrichten. Auch das Ruhrgebiet hat das drauf – mit seiner lit.Ruhr. Bis zu ihrem Ende am Sonntag lockte sie nach Veranstalterangaben an sechs Tagen rund 17 500 Menschen nach Essen, Bochum, Gelsenkirchen und Oberhausen. Gekrönt am Sonntagnachmittag: Auf Zeche Zollverein in Essen las der Schweizer Erfolgsautor Martin Suter nicht nur aus seinem jüngsten Werk „Melody“, der Geschichte einer großen Liebe. Die 90-minütige Plauderei mit der Interviewerin Bettina Rust zeigte auch den feinen Humor des Zürichers.

In seinem Hochdeutsch mit sympathischem Schweizer Akzent spricht der 75-Jährige vom Schreiben. Und wendet sich gegen die „Heiligsprechung des kreativen Prozesses“. Eine Arbeit wie jede andere sei das. „Es passiert mir ganz selten, dass mir die Muse unter dem Zwetschgenbaum über den Weg läuft“, sagt er.

Ganz wichtig sei für den Schreibprozess eine Weisheit, die zwar dem früheren Außenminister Hans-Dietrich Genscher zugeschrieben werde, aber vielleicht schon bald ihm selbst, wenn er sie nur oft genug zitiere, nämlich: „Wenn man nicht weiß, wohin man will, dann kommt man nicht an.“ Was er damit sagen will: Einem Autor sollte schon klar sein, wie die Geschichte aufhören soll. Bei der Lektüre von Agatha-Christie-Krimis habe er oft den Eindruck gehabt, dass die Autorin selbst nicht gewusst habe, wie es ausgeht. „Und dann hat sie alle in einem Salon versammelt und überlegt, wer der Mörder ein könnte.“ Nein, man müsse schon „selbst etwas konstruieren, damit es nicht konstruiert wirkt“, rät Suter. Wer „Melody“ gelesen hat, weiß, was er meint, eine wunderbare verschachtelte Geschichte mit überraschenden Wendungen.

Martin Suter über eine wichtige Erkenntnis in seinem Leben

Suter erzählt über seinen Arbeitsplatz in Zürich, seinen Art-Deco-Schreibtisch, den er in einem „Brockenhaus“, schweizerisch für Trödler, erstanden habe. Doch seitdem er ein technisches Gerät nutzt, auf dem er seine Geschichten handschriftlich aufschreiben kann, sei er nicht mehr an das Möbel gebunden, könne „unplugged“ überall schreiben. Nur nicht im Bett, denn im Pyjama gehe das nicht. „Ich bin immer anständig gekleidet, auch beim Schreiben.“ Das glaubt man dem Mann im eleganten Dreiteiler sofort. Für den er sich sogar noch beim Publikum entschuldigt – das sei sein Reiseanzug gewesen, nur eine andere Krawatte habe er sich umgebunden für die Lesung.

Moderatorin Rust stellt ihm auch eine Reihe von belanglosen Fragen. Auf das Evergreen unter solchen Formaten, ob er denn eher Fan der Beatles oder der Rolling Stones gewesen sei, antwortet er originell: „Ich war schon ein Beatles-Fan, weil ich die Texte verstanden habe. Jetzt aber bin ich ein Stones-Fan. So lange die noch auftreten, bin ich nicht alt.“ Freudig-entspannter Applaus beim teilweise auch schon in die Jahre gekommenen Publikum.

Und große Erheiterung, als Suter eine Kamera zückt und darum bittet, in die Menge fotografieren zu dürfen. „Für meine Homepage martin-super.com.“ Ja, er kann sich gut vermarkten – der Mann, der einst in einer Düsseldorfer Werbeagentur gearbeitet hatte.

Als Interviewerin Rust ihn fragt, was für ihn charakteristisch sei, gibt sich Suter bescheiden. Schmeichelhafte Bezeichnungen, die andere für ihn gefunden hätten, könne er hier doch nicht selbst wiederholen. Stattdessen wird er ausnahmsweise einmal ernst. Spricht über eine wichtige Erkenntnis in seinem Leben: sich klar zu machen, dass man nichts verpassen kann. „Man verpasst ja pro Sekunde ein paar Milliarden Dinge, die gleichzeitig passieren, da kommt es auf eines mehr oder weniger nicht an. Deswegen sollte man bei dem bleiben, was man tut. Das gilt für alles, aber in erster Linie für die Liebe.“ Die Menschen im Saal wissen, dass er dabei an seine kürzlich verstorbene Frau denkt, mit der er 48 Jahre lang zusammen war. Und die kurz vor ihrem Tod sogar noch mitgeholfen hat, das Ende von „Melody“ schlüssiger zu gestalten, wie er erzählt. Und das ist wirklich großartig gelungen – wissen die, die das Buch gelesen haben.

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