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Wuppertal: Marija Aljochina von Pussy Riot ist auf Widerstand programmiert

Wuppertal : Marija Aljochina von Pussy Riot ist auf Widerstand programmiert

Der Aufruhr geht weiter. Marija Aljochina, Part von Pussy Riot, prangert Verfolgung, Willkür, Folter und diktatorische Strukturen in Russland an - auch während ihres Auftritts in Wuppertal.

Wuppertal. Marija Aljochina ist eine eher zierliche Frau. Wie sie da auf dem Sofa sitzt, vor sich eine Hand voll Frauen die stundenlang gewartet haben, um sich wenigstens kurz mit ihr zu unterhalten, erinnert nichts mehr an die Show, nichts an die wilden gut 60 Minuten auf der Bühne im Wuppertaler Live Club Barmen, nichts an die Schreie, die Videoszenen auf der Leinwand und an die rasante Fahrt durch gut zwei Jahre ihres Lebens. Nur die leicht deplatziert wirkende Spange im hellbraunen, lockigen Haar Aljochinas will nicht so recht zur Ruhe passen, welche die Frontfrau von Pussy Riot in diesen Minuten ausstrahlt.

Der Aufruhr ist auf Europatour. Am Dienstag Helsinki, am Mittwoch Wuppertal, dann für ein Interview nach Stockholm, von dort nach Wien. „Eine kleine Tour“, erklärt sie den interessierten Frauen. „Keine richtige Tournee.“ Aber wo sie auch ist, was sie auch macht: Marija Aljochina ist Pussy Riot. Sie ist eine der drei jungen Frauen, die wegen eines Punk-Videos in einer orthodoxen Kirche für fast zwei Jahre in ein Arbeitslager gesperrt worden sind. Die Zeit hat Spuren hinterlassen. Nicht äußerlich. Aber die Seele der 29 Jahre alten Moskauerin ist mehr denn je auf Widerstand programmiert, auf den Kampf gegen Wladimir Putin, gegen das politische Establishment und gegen die Orthodoxe Kirche, deretwegen sie fast zwei Jahre ihres Lebens, des Lebens mit ihrem heute sieben Jahre alten Sohn verloren hat. Diese Feindschaft wird nie enden. „Eben weil ich eine Mutter bin“, antwortet Aljochina auf die Frage, warum sie ihren Protest nach der harten Zeit im Gefängnis nicht aufgibt. Und es klingt, als finde sie diese Frage fast unverschämt, zumindest aber überflüssig.

Die gut einstündige Bühnenshow von Pussy Riot ist eine Art Tagebuch der Qualen. Sie zeigt die Stationen von der Kirche, über den Gerichtssaal ins Arbeitslager. Was die vierköpfige Band auf Russisch singt und spricht, wird per Projektion auf die Leinwand übersetzt. Das ist fast unnötig. Die Bilder sagen alles. Das machterhaltende Zusammenspiel von Staat und Kirche, die martialischen Auftritte von Staatsanwälten, Richtern und Polizisten, die Gefängnismauern — sie erfüllen ihren Zweck, beschreiben, was Pussy Riot beklagen und bekämpfen. Russland hat nach einer kurzen Phase aufgehört, so etwas wie eine Demokratie zu sein. „Sie beobachten dich immer“, sagt die Künstlerin. Dass sie ihre Show zweimal sogar in Moskau aufführen konnten, ist dem Mut der Veranstalter zu verdanken. „Wir haben immer nein gehört, dann plötzlich ja. Das war überraschend. Aber der Staat war immer dabei.“

Aljochina und den anderen insgesamt 19 selbst ernannten Aktivistinnen und Aktivisten geschieht in Russland vermutlich nichts mehr. Das Exempel ist statuiert. Putin hat der mächtigen orthodoxen Kirche unmissverständlich die Botschaft übermittelt, dass er mit ihr Hand in Hand gehen will. „Und unsere weltweite Bekanntheit hilft uns auch“, sagt die junge Frau, deren politische Arbeit bei Greenpeace begann. „Wer diesen Schutz nicht hat, der kann verschwinden. Das passiert oft. Und viele tauchen nie wieder auf.“ Es sei wichtig, immer wieder über politische Gefangene zu sprechen. Wer von der Welt vergessen werde, dem drohe der Tod.

Pussy Riot droht diese Gefahr nicht. Sie sind in den wichtigen Hauptstädten der Welt empfangen worden. Und auch Ehrungen machen unvergesslich. 2014 zeichnete Bremen die Aktivistinnen und Feministinnen mit dem Hannah-Arend-Preis aus.

Was die 29 Jahre alte Russin über ihr Heimatland erzählt, raubt die letzte Hoffnung darauf, dass Russland sich auf absehbare Zeit den demokratischen Kräften in der Welt zuwenden möge. Und auch die aktuelle Nachrichtenlage kündet mehr von Kaltem Krieg als von einer neuen Perestroika. Putin droht mit neuen Waffen, sein Geheimdienst vergiftet mutmaßlich ehemalige Doppelagenten. Der Boden ist noch sehr fruchtbar, auf dem der Hass von Marija Aljochina gedeiht. Er wird seit Jahren immer intensiver gedüngt.

Die Annexion der Krim 2014 war für Aljochina ein Wendepunkt. Von da an sei ihr endgültig klar gewesen, wohin Putins Reise mit Russland gehen soll. Sie spricht von Einmarsch, von Krieg, von Truppen, die ein Nachbarland besetzen. „Dort sind viele Aktivisten inhaftiert worden, einige verschwanden einfach, viele wurden ermordet“, sagt sie. Wie Boris Nemzow, der Hoffnungsträger der Opposition. Er starb 2015 im Kugelhagel. Auch Aljochina vermutet Putin hinter der Tat. Die Behörden ermittelten Tschetschenen als Täter.

Im Gespräch macht die junge Frau nicht den Eindruck, sehr hoffnungsvoll zu sein. Zwar ist das Künstlerkollektiv Pussy Riot bei weitem nicht die einzige Aktivistengruppe. Auch sind alle Gegner des Putin-Regimes offenbar gut vernetzt. Aber von einer geschlossenen Opposition kann nicht die Rede sein. Immerhin hat der Widerstand mittlerweile ein eigenes Sprachrohr. Aljochina berichtet von Mediazona, einer Nachrichtenredaktion, die aus irgendeiner Wohnung irgendwo in Moskau das Internet mit Informationen versorgt. Unverfälscht, regierungskritisch, sagt sie, und deshalb unterstützungswürdig. Die Stippvisite nach Stockholm zwischen den Auftritten in Wuppertal und Wien, soll Mediazona bekannt machen. Was Pussy Riot mit ihren Auftritten, mit Merchandising und Aljochinas Buch „Tage des Aufstands“ verdienen, geht zum Teil an die unabhängigen Journalisten. „Sie haben zuletzt ein Tagebuch der Folter veröffentlicht. Das hat Wellen geschlagen.“ Die Regierung beobachte das alles, fügt Aljochina hinzu, und es klingt, als rechne sie mit dem nächsten Angriff Putins auf die Opposition.

Dennoch geht ihr Aufruhr weiter. Daran lässt Marija Wladimirowna Aljochina keinen Zweifel. „Dass ich Aktivistin geworden bin, härtet mich ab.“ Wohin die Tage des Aufstands führen, weiß sie nicht. „Visionen habe ich nicht.“ Aber sie weiß, was sie bekämpfen will, so lange sie kann. Russland sei kein Staat mehr. Politische Mechanismen, die es selbst in der Sowjetunion gegeben habe, existierten im System Wladimir Putins nicht. „Geschäfte sind wichtiger geworden als Menschen.“