Ehrenhof Kunstpalast: Auf einen Drink ins „Creamcheese“

DÜSSELDORF · Ein Museum für alle im Ehrenhof: Nach jahrelanger Schließung wird die Sammlung des Museums Kunstpalast in Düsseldorf wieder eröffnet.

 Eine Besucherin schaut sich das Kunstwerk „Himmelfahrt Mariae“ (r.) von 1616 des Künstlers Peter Paul Rubens und „Erdtuch“» von 2003 von El Anatsui im Museum Kunstpalast an.  

Eine Besucherin schaut sich das Kunstwerk „Himmelfahrt Mariae“ (r.) von 1616 des Künstlers Peter Paul Rubens und „Erdtuch“» von 2003 von El Anatsui im Museum Kunstpalast an.  

Foto: dpa/Roberto Pfeil

. Von einem Hochaltar-Bild von Rubens bis zum Joseph-Beuys-Porträt von Warhol, von mittelalterlicher Kunst und Veduten-Malerei eines Canaletto bis zur modernen Fotografie, von einem Offiziersharnisch des 16. Jahrhunderts bis zu funktionalen Thonet-Stühlen und grell pinkfarbenen Gummi-Clogs mit Plateausohlen aus dem Jahr 2017. Freunde nicht nur der hehren Kunst, sondern auch von aparten  Alltags-Objekten von Fern und Nah können frohlocken: Nach drei Jahren Umbau, Sanierung und Abgeschnittensein vom Ehrenhof öffnet der Düsseldorfer Kunstpalast – direkt am Rheinufer gelegen – wieder seine Pforten. Und wird den Bürgern zurückgegeben. Bilanz nach dem ersten Besuch: Es ist ein modernes, zeitgemäßes Großstadt-Museum für alle entstanden. Die 50 Millionen Euro Bausumme haben sich offenbar für den Düsseldorfer Steuerzahler gelohnt.

Mit freiem Eintritt in der Eröffnungswoche, umfangreichen Audioguides, lichtdurchfluteten Schüler-Ateliers und einer neuen App locken Museumsleiter Felix Krämer und zwei Kuratorinnen in das Ensemble aus Gebäuden der 1920er Jahre. Endlich vorbei die Zeit von altväterlich betulichem Muff, mit dem das Museum lang auf Distanz zum breiten Publikum ging.

Für alle (auch für Kinder) neu zu erleben ist das Herzstück des Hauses mit weitreichender Sichtachse auf den Ehrenhof – südlich bis zur Tonhalle und im Westen bis zur benachbarten Rheinterrasse. In diesem Raum „Belveder“ auf der ersten Etage mit freigelegten Backsteinsäulen, der die beiden Architektur-Elemente von Wilhelm Kreis (1926) und Oswald Ungers (Ender 1990er Jahre) verbindet, laden Sofas und Sessel zum Verweilen ein – und zum Betrachten der Grünflächen im Ehrenhof.

Architekturen verschmelzen
harmonisch

Dem Düsseldorfer Architekten Joachim Siebert ist es gelungen, dass die Architekturen harmonisch verschmelzen – zumal Ungers und Kreis stilistisch nicht so weit auseinanderliegen. Einziger Nachteil, vorgegeben durch den Ungers-Bau: Man muss zwei Etagen hinabsteigen, um zur Garderobe zu gelangen.

Direkt unter dem „Belveder“ liegt das neue Museumsrestaurant mit Terrasse im Ehrenhof, das nächste Woche eröffnet wird. Durch den Restaurant-Eingang erreicht man – auch noch nach Museumsschluss – das rekonstruierte Künstler-Café „Creamcheese“ mit Originalen von Gerhard Richter und Günther Uecker. Einst war es in der Altstadt gelegen, sagenumwoben und frequentiert von Malern und Bildhauern, die erst später zu Topstars des Kunstmarkts avancierten.  An der nachgebauten Theke der einstigen Kult-Stätte der 1960er kann man kühles Altbier bestellen und nostalgisch in alten Zeiten schwelgen.

Neben den Wechsel-Ausstellungen (derzeit Cornelius Völker und „Tod und Teufel) präsentiert man auf 5500 Quadratmetern und in 49  Sälen rund 800 Kunstschätze aus acht Jahrhunderten. Zwar chronologisch, aber auch nach Themenfeldern geordnet. Modern und genreübergreifend breiten die Macher die Schätze aus, die Museumsbeamte in zig Jahren angekauft haben.

Nicht zu vergessen Bilder und Objekte von namhaften Privatleuten und Stiftungen, die ihre Sammlungen dem Kunstpalast (früher Kunstmuseum) vermacht haben. Auch das Thema „Rechtsbeugung in der Kunst“ wird dokumentiert – anhand eines Lovis-Corinth-Stilllebens. 1925 angekauft, 1937 von Nazibehörden aus dem Haus als entartet entfernt.

Klar, aufgeräumt wirken die Räume mit abwechslungsreichen Wandfarben. Beim Schreiten durch die Abteilungen mit Übertiteln fällt auf, dass manchmal Objekte auf alten Ölgemälden erscheinen und Ähnliches als Exponate gegenübergestellt werden. Da diskutieren auf einem Bild von 1872 Männer an einer Tafel. Davor steht ein Thonet-Stuhl. Ein vergleichbares Modell aus dem Jahr 1887, aus der Sammlung, steht, fast zufällig, in einer Saal-Ecke.

Keine Dauerausstellung soll es sein, betont Felix Krämer. Vielmehr sollen alle sechs Monate Exponate ausgetauscht und ersetzt werden – durch andere der insgesamt 130 000 museumseigenen Objekte (darunter 90 000 Papierarbeiten). Gestern wählten Krämer und die Kuratorinnen Felicity Korn und Westrey Page 800 Werke aus.

Doch auf Stars der Sammlung und Big Names aus Barock und Düsseldorfer Malerschule muss der Besucher zu keiner Zeit verzichten.

Erfreulich besucherfreundlich gibt sich jetzt das Haus. So stehen zum Beispiel auf den Bildtafeln zunächst Titel, erst dann die Künstlernamen. Und neun Palast-Piloten (und Pilotinnen) garantieren in einer Koje mal eine andere als die kunsthistorische Perspektive. Die Sicht nicht nur des Fachbesuchers, sondern auch  die des Otto-Normal-Verbrauchers hat der Kunstpalast im Fokus. So wählten die Piloten zum Sujet ‚Erster Weltkrieg‘ unter anderem das Porträt eines lesenden Mädchens aus, aber auch ein plakatives Gemälde – mit Soldaten in Schwarz-Weiß, die mit Gewehren auf einen Menschen zielen.

Und dann lächelt auch noch Mona Lisa plötzlich milde von der Wand - in Düsseldorf, und nicht im Louvre.

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