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Kunst als heimliche Angelegenheit

Kunst als heimliche Angelegenheit

Corinna Belz zeigt in einem Kinofilm, wie Gerhard Richter mit seinen Bildern ringt: „Wenn nichts mehr falsch ist, höre ich auf.“

Köln. „Die Bilder machen, was sie wollen. Ich hatte sie ganz anders angelegt — schön bunt.“ So hadert Gerhard Richter, einer der bedeutendsten Künstler. Seine Werke hängen in den großen Museen und erzielen bei Auktionen Millionenbeträge. Doch der 79-Jährige gilt als medienscheu und arbeitet zurückgezogen.

Die Fernsehjournalistin Corinna Belz konnte ihn zu einer Langzeitbeobachtung bewegen, die diese Woche ins Kino kommt: „Gerhard Richter Painting“. Der Film ist faszinierend, weil der Zuschauer beim Entstehen eines Bildes in Richters Kölner Atelier dabei ist, ohne dass das Geheimnis seiner Kunst gelüftet würde.

Drei Jahre hat Belz ihn beobachtet beim Malen, Denken, Betrachten, Schweigen. Kernzeit ist der Sommer 2009. Belz passt sich dem Entstehungsprozess der Bilder an — der Film strahlt Stille und Spannung aus, wie sie auch im Atelier herrschen.

Näher kann man diesen Werken nicht kommen, gleichwohl erklärt der Film nichts. Wenn Richter im Film sagt: „Bunt ist doch viel mehr angesagt — draußen in der Welt“, dann meint er genau das: Das Draußen soll draußen bleiben.

Er guckt sich zwar vor Ausstellungen in Köln, London und New York genau an, wie seine Bilder hängen, ärgert sich, wenn seine Oktoberbilder, die sonst in New York hängen, in Berlin „wie billiges Theater inszeniert werden. Fand ich grauenhaft“.

Doch seine Abneigung, sich bei Ausstellungseröffnungen den Journalisten zu stellen, ist körperlich spürbar. Alles Zampanohafte ist diesem Künstler fremd.

Er ist kein Groß-Bohemien wie Immendorff, kein provokanter Dandy wie Lüpertz. Das war schon so, als der gebürtige Dresdner 1961 nach der Flucht aus der DDR ein zweites Kunststudium in Düsseldorf begann. Er suchte sich den zurückhaltenden Karl Otto Götz als Lehrer: „Manche Studenten brauchen einen Heiligen wie Beuys. Das hätte ich nicht ertragen.“

Richter sagt: „Draußen bin ich feig, aber hier drin kann ich loslegen.“ Dieses Loslegen ist allerdings ein bedächtiger Prozess und provoziert nicht für eine Sekunde ein kreatives Chaos oder einen Schaffensrausch.

In diesem Atelier herrscht penible Ordnung. Nichts liegt herum, der Fußboden ist abgeklebt, die Wände sind makellos weiß. Seine Assistenten Hubert Becker und Norbert Ams sind fast so wortkarg wie der Künstler: „Die großen Farbtöpfe nimmt er fürs Abstrakte, bei realistischen Bildern kommt die Farbe aus der Tube.“

Richter arbeitet allein, trägt mit einem riesigen Rakel Farbe auf die Leinwand, verstreicht sie kraftvoll, betrachtet die Verläufe, kommt mit der nächsten Farbe. Oberflächlich betrachtet eine stille Szenerie, doch innerlich kämpft er. Monatelang. „Am Anfang kann ich draufschmieren, was ich will. Dadurch wird ein Zustand erreicht, auf den ich reagieren muss.“

Das Bild wandelt sich. Richter übermalt es immer wieder. Als seine Frau Sabine vorbeischaut, sagt er: „Die Gefahr ist viel größer, dass ich das auch noch weiß male.“ Darauf sie pragmatisch: „Dann würde ich das mal weghängen.“ Erklärungen an Außenstehende verweigert er: „Dabei kann man sich nichts denken, denn Malen ist eine andere Form des Denkens. Ich finde Bilder schlecht, die ich begreifen kann.“

1966, als sich die Kunst um ihn herum politisierte, hat sich Richters als Kunstbekenntnis notiert: „Ich verfolge keine Absichten, kein System, keine Richtung. Ich habe kein Programm, keinen Stil, kein Anliegen.“

Die Freiheit von ideologischen Fesseln macht ihm die Arbeit aber nicht leichter, denn eine „moralische Haltung“ und eine „Wahrheit“ sollen seine Bilder doch vermitteln. Schließlich ringt er sich eine Art Erklärung ab: „Wenn nichts mehr falsch ist, höre ich auf.“