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Italien — Land der Sehnsucht

Italien — Land der Sehnsucht

Das Von der Heydt-Museum in Wuppertal zeigt Fotografien aus dem 19. Jahrhundert.

Wuppertal. Die Sehnsucht ist auch als Klischee verflixt hartnäckig. Seit Jahrhunderten steht Italien bei den Menschen, die vom Klima nördlich der Alpen gebeutelt sind, für Sonne und süßes Nichtstun, für antike Größe (leider vergangen) und schmackhafte Küche (immer noch da). Schon vor Goethe reiste man recht beschwerlich mit der Postkutsche ins „Land, wo die Zitronen blühn“. Die „Grand Tour“ ans Mittelmeer gehörte erst bei jungen Adeligen aus ganz Europa, im 19. Jahrhundert auch bei betuchten Bürgerlichen zur gehobenen und teilweise auch amourösen Ausbildung.

„Bella Italia“ — diesem Sehnsuchtsbild widmet das Wuppertaler Von der Heydt-Museum eine „schöne, leichte Sommerausstellung“, so Direktor Gerhard Finckh. Der Titel lässt spontan an die wieder erwachte Italienbegeisterung der Deutschen in den 1950er Jahre denken — an Vespas, Rimini und Caprihosen.

Tatsächlich ist das Motto jedoch doppelt nostalgisch: 220 Fotografien und eine Handvoll Gemälde aus dem 19. Jahrhundert präsentieren von Norden nach Süden ein Italien, das es schon damals nicht gab.

Die Maler stellten Italien unbekümmert als idyllisches Arkadien dar, wo Schafe neben Ruinen weideten. Dabei war das Land, das bis zur nationalen Einigung 1870 in zahlreiche Königreiche und Fürstentümer aufgeteilt war, politisch zerstritten und wirtschaftlich ausgelaugt.

Auf Armut und kriegerische Auseinandersetzungen wollten aber auch die ersten Fotografen ihre Linsen nicht richten. Sie orientierten sich lieber an den bekannten Gemälde-Sujets: Pittoreske Szenen mit Einheimischen in bunten Trachten, bröckelnde Baudenkmäler wie das Kolosseum und der Dogenpalast in Venedig, Naturphänomene wie ein Ausbruch des Vesuvs.

Dass die vielen nackt aneinander gekuschelten Fischerkinder in Neapel wahrscheinlich gar nichts anzuziehen hatten, spielte bei der Inszenierung ergötzlicher Exotik keine Rolle.

Es ist das eine Vergnügen, die Inszenierung dieser Bilder aufzuschlüsseln. Weil die damaligen Touristen Foto-Abzüge als Souvenirs mitnahmen, blieb das Klischee konstant frisch. Schließlich reisten bald die nächsten mit diesen Bildern im Kopf an und wollten genau das wiederfinden — was bei m,anchen Motiven bis heute funktioniert.

Ebenso aufschlussreich ist es, sich im Zeitalter der Digitalfotografie die damaligen technischen Bedingungen zu vergegenwärtigen. Die Ausrüstung war kiloschwer und wurde auf Maulesel transportieren. Vergrößerungen gab es nicht, jeder Abzug war nur so groß wie das Negativ. Trickreich waren die Fotografen aber auch schon damals. Sie konnten zwei Negative so kombinieren und verhuschte Wolken darauf zeichnen, dass der Markus-Dom in Venedig einen Mondscheineffekt bekommt.