Skulptur-Projekte Münster: Gregor Schneider — der Mann im Schrank

Skulptur-Projekte Münster : Gregor Schneider — der Mann im Schrank

Der Künstler Gregor Schneider bleibt während der Skulptur-Projekte in Münster unsichtbar. Ein Gespräch über Isolation, Menschen in Schränken und den Sinn seiner Kunst.

Münster. An der Westseite des LWL-Museumsneubaus befindet sich die neue Hausnummer 19 und eine Klingel mit dem Namensschild N. Schmidt. Klingeln nützt jedoch nichts. In der Tür steht ein Wächter. Jeder Besucher wird einzeln eingelassen und steigt in die zweite Etage. Dort gibt eine Wächterin weitere Anweisungen. Man dürfe die Türen öffnen, aber bitte nicht die Alarm-Türen. Der Neugierige schließt die Wohnungstür auf und geht nun von Tür zu Tür, von Kammer zu Kammer, durch die für Gregor Schneider bekannten leeren, weißen Zimmer. Mal ist da ein Fenster mit einem Rollo, hinter dem auf der Fensterbank eine Orchidee blüht. Ein Raum hat einen Spiegel-Schrank. Im gefliesten Badezimmer tropft der Wasserhahn. Auf einem Monitor sieht man einzelne Personen vorüberziehen. Wurde da etwa gefilmt? Der Besucher erreicht in einer kreisförmigen Laufrichtung die wiederholten Räume. Das Museum bleibt jedoch ausgeblendet. Ein Gespräch mit Gregor Schneider.

Gregor Schneiders Wohnung im Museumsraum. Foto: Schneider/dpa

Wie kamen Sie zur Inszenierung im LWL-Museum?

Gregor Schneider. Foto: Schneider/dpa

Schneider: Meine erste Idee war, ein Drive-in zu bauen, wobei man mit dem Auto hätte direkt durch den Museumseingang fahren können.

Muss es das Museum sein?

Schneider: Museen sind seltsame Orte. Ich arbeite daran, dass gebaute Räume auch im Museum wie Malerei behandelt werden.

Sie lieben den Gegensatz zwischen Kunst und Welt, Museum und Leben, drinnen und draußen?

Schneider: Mein Thema ist, dass der sichtbare Raum immer auch einen unsichtbaren Raum schafft und dass dieser unsichtbare Raum wieder sichtbar wird. Kein Phantom, sondern real. Ich baue ja immer wieder dasselbe. Wie verhält sich meine Wahrnehmung zum eigenen Körper?

Warum steht „N. Schmidt“ auf dem Klingelschild?

Schneider: N. Schmidt ist eine Person, die wie ein Schatten die Arbeiten begleitet. Sie wird jedoch in der Wohnung nicht gesucht. Der Besucher sucht sich.

Man sieht im Monitor Besucher vorbeihuschen. Und es gibt Sicherheitskameras. Ist das neu in Ihrer Arbeit?

Schneider: Für mich persönlich hat das Isolieren, das Sich-Abschirmen, eine große Bedeutung. Was sind empfundene Freiräume? Heute ist die Grenzziehung zwischen privatem und öffentlichem Raum nicht mehr so klar. Indem ich einen privaten Raum ins Museum setze, frage ich mich: Ist das noch ein privater Raum oder ein öffentlicher oder schon ein digitaler Raum? Was ist ein originaler Raum?

Was ist Ihr Konzept? Ihre Wohnung war ja ein Raum für Wechselausstellungen.

Schneider: Ja, ein großer, hoher, heller, leerer Raum mit Terrazzoboden. Und nun öffnet der Besucher in der zweiten Etage mit einem Schlüssel über die Haustür die erste Wohnung, die leer ist. Der Eindruck ist, dass sie frisch renoviert wurde. Das Badezimmer sieht etwas benutzter aus. Alles ist standardisiert. Keine Leuchten an der Decke. Es könnte auch gerade jemand einziehen. Man stößt auf den Schrank.

Gregor Schneider, Künstler

Ist die zweite Wohnung das Spiegelbild der ersten?

Schneider: Sobald man die zweite Wohnung betritt, ist es natürlich eine ganz andere Wohnung. Auch leer. Für Besucher ist es jedoch schwierig, darin nicht dasselbe zu erkennen. In beiden Wohnungen ist der Schrank. Das Wasser lässt sich nicht abstellen. Man muss auch die Tür finden, um wieder rauszugehen. Sonst wäre der Besucher in einem Endlos-Loop und müsste ständig weiter im Kreis laufen.

Was ist mit dem Schrank? Ist da jemand drin?

Schneider: Man kann ihn öffnen und sich hineinstellen. Wenn er von innen verschlossen ist, steht gerade jemand drin.

Wie kommen Sie auf den Menschen im Schrank?

Schneider: Ich hatte einen Einbrecher im Haus, vermutlich einen Junkie. Das war eine neue Erfahrung, dass man in einem privaten Raum ist und nicht genau weiß, ob noch ein Fremder da ist. Dieses Erlebnis war der Auslöser für die Planung in Münster. Ich betrete eine Wohnung, in der schon nicht sichtbar jemand ist.

Ist der Schrank nicht zu schmal für einen Menschen?

Schneider: Es ist ein gewöhnlicher, fertig gekaufter Schrank mit Spiegel. Im Badezimmer ist auch ein Spiegel. Es gibt ein Überwachungssystem, auch in der Klingelanlage. Ich fühle mich da beobachtet. Und man beobachtet sich selbst. Aber auch der Raum schaut zurück.

Ist das eine Tortur, im Schrank zu sitzen?

Schneider: Der Schrank ist sehr komfortabel. Er ist der freieste Ort im ganzen Museum. (Lacht) Das Museum ist ja eine geschlossene Gesellschaft. Ich vergleiche es mit einer Psychiatrie oder einem Gefängnis. Wir haben in Münster seit Jahrzehnten das Skulptur-Projekt und am Ende wird wieder so ein Museumstempel gebaut.

Ihr Empfinden im Schrank?

Schneider: Im Schrank spüre ich meinen Körper. In meinen Räumen mache ich häufig die Erfahrung, außerhalb meines Körpers zu sein, indem ich mich beispielsweise beobachte. Im Schrank ist das anders. Dort ist meine Wahrnehmung nicht verrückt. Ein nicht einsehbarer Raum in einer geschlossenen Institution.

Sehen Sie im Schrank ein Symbol?

Schneider: Er erinnert an einen Sarg. Komplett standardisiert. Minimal. Sparsam.

Im Foto haben Sie das Ohr am Schrank, an der Grenze zum Außenraum?

Schneider: Mit der An- und Abwesenheit eines Menschen im Schrank erzeuge ich einen wenn auch nicht sichtbaren Unterschied zwischen diesen Räumen. Das sagt uns viel darüber, wie unsere Wahrnehmung funktioniert, wie unser geistiger Raum entsteht. Wenn ich beobachtet werde, werde ich zum Zombie. Mir tut das nicht gut. Aber im Schrank geht es mir gut. Dort fühle ich mich geschützt vor den übermächtigen Gefahren! Wer komplett unsichtbar ist, ist jedoch kein Mensch mehr.

Wollen Sie im Schrank bleiben?

Schneider: Auch ein Besucher könnte sich dort hineinstellen. Wir machen jedoch gerade die Erfahrung, dass die Besucher so schnell wie möglich über die Fluchtwege versuchen, aus dem Loop auszubrechen.

Der Sinn Ihrer Handlung?

Schneider: Die zentrale Frage ist doch: Wozu Kunst? Wie kann ein Mensch überhaupt existieren? Existiert die Unverletzlichkeit der Wohnung noch? Was macht die digitale Revolution mit dem privaten Raum? Werden wir in Zukunft unser privates Bewusstsein ebenso schützen wie unsere private Wohnung? Wieso sehen genormte Wohnungen aus, wie sie aussehen, und was machen diese Räume mit uns und unserem Körper? Es kann übrigens auch schön sein, sich in der Leere der Räume zu verlieren.

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