August Sander und Bernd & Hilla Becher Große Fotokunst in Kaiserswerth

August Sander und das Künstlerpaar Becher haben einmalige Dokumente geschaffen – über die Kulturlandschaft Niederrhein und das Industriegebiet rund um den Rheinhafen. Ihre Arbeiten sind nun im Kunstarchiv Kaiserswerth zu sehen.

 Das Werk „Düsseldorf, Rheinhafen, 1988“ von Bernd und Hilla Becher.

Das Werk „Düsseldorf, Rheinhafen, 1988“ von Bernd und Hilla Becher.

Foto: © Estate Bernd & Hilla Becher, vertreten durch Max Becher, courtesy Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur – Bernd und Hilla Becher Archiv, Köln.

„Strombild“ heißt die eher ruhige, nur leise bewegte Aufnahme. Wir blättern zurück in die Zeit vor 1935. Eigensinnig hat August Sander damals den Rhein fotografiert, atmosphärisch, beinahe poetisch. Er wählte nur ein knappes Stück vom Strom aus für sein Bild. Eine besondere Perspektive. Viele Wolken sind zu sehen – die waren Sander wichtig. Das Wasser glänzt mehr, als dass es glitzert.

 Die jüngere Generation mag diese Arbeit spontan mit „Rhein II“ abgleichen, der Farbfotografie von Andreas Gursky, die eine Ikone moderner Fotografie ist und mit ihrem Auktionspreis von 4,3 Millionen Dollar 2011 als teuerste Fotografie der Welt galt. Auch hier ist der legendäre Strom verewigt in einem linearen Ausschnitt. Der Rhein als Kraftort, das starke Motiv, das unergründliche Wasser, dem die Landschaft folgt. Menschenleer in beiden Motiven.

 Der Verbindung von Gursky zu Sander wird über Gurskys Lehrer Bernd und Hilla Becher nachgespürt, die wiederum in August Sander ein Vorbild sahen. Die Güte dieser drei Generationen und Großmeister der Fotografie: Sie sind alle dem Dokumentarischen verhaftet. Die Bechers begründeten als Professoren die berühmte „Düsseldorfer Fotoschule“, deren Vertreter wie Gursky das Medium Fotografie kühn fortschrieben.

 Das Schauen auf erstklassige Fotografie könnte spannender nicht ausfallen in einer Zeit, in der die Menschen sich millionenfach als Hobbyfotografen betätigen. Das Bild als Zeugnis ihres Verweilens betrachten. Hier also der meist verwackelte improvisierte Moment, dort das Bild für die Ewigkeit, das gegenwärtig aus einer zurückliegenden Lebenswirklichkeit berichtet. Sander formulierte es für sich so: „Nichts schien mir geeigneter zu sein, als durch die Photographie in absoluter Naturtreue ein Bild unserer Zeit zu geben.“

Zu sehen sind 60 noch nie zuvor veröfftenlichte Fotoarbeiten

Nun erteilt eine sehenswerte Ausstellung Auskunft über diesen August Sander mit etwa 60 noch nie zuvor veröffentlichten Fotoarbeiten und setzt einige kostbare von Bernd und Hilla Becher dazu. Sie alle haben mit dem Rhein zu tun, über ihn und seine idealisierende Romantik erheben sich die geschichtsträchtigen Wasserburgen am Niederrhein, vom Fluss inspiriert sind die Orte und Städte, deren bildschöne Ansichten Flussnähe aufweisen. Auf den Becher-Bildern stehen hingegen industrielle Zweckbauten und architektonische Konstruktionen im Fokus – der Rheinhafen in Düsseldorf mit seinen monumentalen Anlagen als ein Motor der Moderne.

 Der Weg zur Ausstellung könnte nicht besser aufs Thema einstimmen, denn die Kulturlandschaft Niederrhein ist im pittoresken Kaiserswerth auf Schritt und Tritt erlebbar. Die alte Schule wurde nach dem Tod von Hilla Becher im Jahr 2015 Standort des Studios Bernd & Hilla Becher, das Sohn Max gemeinsam mit der Stadt Düsseldorf und mit der Photographischen Sammlung/SK-Stiftung Köln als Ausstellungshaus betreibt. Die Kölner Fotografie-Enthusiasten (die „Photo“ nie ohne „Ph“ schreiben würden), haben in ihren Archiven Schätze gehoben, die in zwei Werkzyklen aufleuchten und begeistern können.

 Gabriele Conrath-Scholl, Leiterin der Sammlung, hat mit hoher Sensibilität die Bestände gesichtet, um besonders bei August Sander ein Panorama zu eröffnen, das man so nie beim vor allem mit seinen Porträts berühmt gewordenen Künstler vermutet hätte. Die Kölner Stifter zeigen Werke gerne in Serien. Eine Paarung von Sander mit den Bechers ist angetan, Korrespondenzen herzustellen und zu zeigen, wie sehr sich die Fotokünstler methodisch ähnelten.

Jedes Foto verdient hohe Aufmerksamkeit – bei Sander sind die Überraschungen am größten, nur schwer ist vorstellbar, wie viele Momente, Stunden oder Tage, der Künstler abgesessen und gelauert haben muss, um mit seiner Großbildkamera das perfekte Licht, den idealen Ort zu finden. Etwa im Neandertal: Sehr weich, in der Tönung eines grauschwarzen Aquarells, ist die Landschaft mit Reichsautobahnbrücke um 1938 gehalten, die technischen Details, die Brückenkon­struktion, wirken dagegen wie mit dem Silbergriffel eingeritzt.

Geheimnisvoll einerseits ist die Wirkkraft von Sanders Fotowerk, ein Alchemist muss der der neuen Sachlichkeit verpflichtete Dokumentarist gewesen sein. Die Kuratorin sieht „grünes Wasser“ bei dem schwarz-weißen Abzug einer Wasserburg, der als perfekte Laborarbeit neu erstellt wurde. Im Schema die Struktur erkennen und im Kontrast von Schwarz-Weiß die Töne erspüren: Das ist suggestive Kunst.

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