Alfred Sisley: Bilder wie zarte Gedichte

Alfred Sisley: Bilder wie zarte Gedichte

Von der Heydt-Museum zeigt erste Einzelausstellung zu Alfred Sisley in Deutschland.

Wuppertal. „Der wahre Impressionist“ nennt Gerhard Finckh, Direktor des Von der Heydt-Museums in Wuppertal, seinen neuen Protagonisten Alfred Sisley (1839-1899), weil er einer der kompromisslosesten und zartesten zugleich ist. Gegen ein Leben in permanenter Geldnot hat er mit heiter scheinenden, lichtdurchfluteten Bildern angemalt.

Finckh präsentiert die erste Sisley-Einzelausstellung in Deutschland überhaupt. Denn der Künstler passt nicht nur thematisch zu den Von der Heydt-Schauen der vergangenen fünf Jahre, die sich der französischen Malerei des 19. Jahrhunderts widmeten: Die „Schule von Barbizon“, Auguste Renoir und Claude Monet — das sind Sisleys Kollegen und Freunde. Er sei darüber hinaus eine große Entdeckung, viel zu lange wurde er viel zu wenig beachtet.

In Paris als Sohn in eine gut situierte englische Kaufmannsfamilie hineingeboren, kann sich Alfred Sisley der Kunst zuwenden. Doch der deutsch-französische Krieg 1870/71 ruiniert das Geschäft des Vaters, der Maler muss fortan für seine vierköpfige Familie selbst aufkommen. Das bedeutet 29 Jahre lang Geldnot und Bettelbriefe an seinen Galeristen.

Mit den fast gleichaltrigen Freunden Claude Monet (1840-1926) und Auguste Renoir (1841-1919) holt Sisley sich in den 1870er Jahren reihenweise Ablehnungen von der konservativen Professoren-Jury des etablierten Salon.

Mit ihnen erntet er 1874 bei der großen Ausstellung im Atelier des Fotografen Nadar die spöttisch gemeinte Bezeichnung „Impressionisten“ — heute ein Qualitätssiegel. Alle drei leben lange am Existenzminimum, bekommen im Schnitt 100 Francs für ein Bild.

„Doch die anderen beiden haben es geschafft, eine Marke zu bilden“, sagt Finkch. Renoir mit seinen blauäugigen und rotwangigen Figuren, Monet mit seinen monumentalen Seerosen haben einen hohen Wiedererkennungswert.

Sisley hingegen steht am Ufer der Seine und malt — sein Hauptthema, sagt Finckh. Seine 884 Bilder zeigen fast immer unspektakuläre Motive, die sich häufig ähneln.

Sisley bietet keine oberflächlichen Knaller. Er hat sich Zeit seines Lebens geweigert, seine Malerei mit irgendeiner Form von Theorie zu untermauern — das Umwälzende und Umwerfende an seiner Kunst muss man schon selbst entdecken.

Denn viele von Sisleys Bildern erleuchten einen ganzen Raum. Je näher man an die Frühlings- und Sommerbilder herantritt, desto mehr Wärme scheinen sie abzustrahlen. Und bei der direkten Betrachtung enthüllt sich die Vielzahl der Farben, etwa in der Brachfläche im Vordergrund des Bildes „Der Loing in Saint-Mammès“: Rosa und Aubergine, Hellblau und Dunkelgrün, helles Ocker und Dunkelrot. Seine Wolkenstaffelungen und Wasserreflektionen sind plastisch und zart zugleich.

Bei winterlichen Motiven wie der „Pferdeschwemme in Marly im Raureif“ scheint er wie mit einem Restlichtverstärker zu arbeiten.

Monet wird schon zu Lebzeiten einer der teuersten Maler Frankreichs. Sein schwer kranker Freund bleibt noch 1897 auf allen 146 Bildern sitzen, die er in der Galerie Georges Petit ausstellt. Doch auch bei diesem Impressionisten zeigt sich die bittere Ironie vieler Künstlerbiografien.

Unmittelbar nach Sisleys Tod richtet Monet eine Versteigerung mit dessen Werken aus. Gerhard Finckh: „Plötzlich wurden diese Bilder irrsinnig teuer und kosteten Tausende von Francs.“