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Katholische Kirche sucht ihr neues Gesicht

Vollversammlung in Mainz : Katholische Kirche sucht ihr neues Gesicht

In der nächsten Woche wählt die Deutsche Bischofskonferenz einen neuen Vorsitzenden. Aus NRW kommt vor allem ein Name in Betracht: Franz-Josef Overbeck.

Früher war das KD 11/13, ein Stadtteilzentrum im Essener Stadtteil Altenessen, mal ein evangelisches Gemeindezentrum. Die Wandfarbe, die Stühle, die Vorhänge – alles in die Jahre gekommen. Und dann gibt die Lautsprecheranlage auch noch schlimme Rückkopplungen von sich. Kein Ort für bischöflichen Glanz.

Den hat Franz-Josef Overbeck auch nicht nötig. Zusammen mit Manfred Rekowski, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, sitzt er da oben auf der Bühne und diskutiert mit einem Stadtplaner, einer Diakonie-Beauftragten und einer Fachbereichsleiterin beim Sozialpolitischen Aschermittwoch der Kirchen über Strategien für die Stadtteilarbeit.

Ein reformbereiter Bischof mit weltkirchlicher Erfahrung: Heiner Wilmer aus Hildesheim. Foto: picture alliance/dpa/Holger Hollemann

Overbeck sagt Sätze wie: „Wir müssen Orte schaffen, wo gute Bildung für viele zugänglich gemacht wird.“ Er sieht die Kirche nicht nur kleiner werden, „sondern wir werden auch ganz anders“. Er outet sich als Fan der Olympia-Bewerbung („Das braucht man: eine gemeinsame Idee“). Und er sagt: „Wenn man die Erinnerung zu sehr pflegt, kann man da landen, wo die Kirche heute mitunter steht.“

Anleitung für eine neue
Haltung der Kirche

Schaffte es mit Umsicht, das Bistum von Limburg nach dem Skandal zu befrieden: Bischof Georg Bätzing. Foto: picture alliance/dpa/Harald Tittel

Diesen Satz kann man hören als Anleitung für eine neue, demütige Haltung der Kirche vor Ort, in der sie nicht mehr davon ausgeht, gottgegeben zentrale Anlaufstation der Menschen zu sein, sondern danach fragt, wo und wie sie sich noch sinnvoll in die Bedürfnisse des jeweiligen Stadtteils einbringen kann. Man kann ihn auch hören als Anleitung für eine Neuausrichtung der Kirche insgesamt.

Wer in den fünf Bistümern von NRW nach möglichen Anwärtern sucht, die in der kommenden Woche die Nachfolge von Kardinal Reinhard Marx an der Spitze der Deutschen Bischofskonferenz antreten könnten, landet jedenfalls an erster Stelle bei Overbeck, der seit 2009 mit Essen das flächenmäßig kleinste deutsche Bistum leitet und seit 2011 auch Militärbischof der Bundeswehr ist. Zudem ist er nicht nur als Vorsitzender der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen der Bischofskonferenz gesellschaftspolitisch besonders engagiert. Das qualifiziert den 55-Jährigen ebenso für das Spitzenamt wie sein Sitz in der Kommission der Bischofskonferenzen der EU. Overbecks Problem: Seinen scharfen Verstand, den der überzeugte Reformer mit einer tiefen Spiritualität verbindet, kann er sein Gegenüber mitunter spüren lassen. Das hat ihm unter den Bischöfen nicht nur Freunde gemacht.

Möglicherweise eine Option, wenn die Situation verfahren ist: der Münsteraner Bischof Felix Genn. Foto: picture alliance / Marcel Kusch//Marcel Kusch

Kardinal Woelki will sich auf Kölner Aufgaben konzentrieren

Aus NRW käme quasi „gesetzt“ auch immer der Kölner Erzbischof in Betracht, vertritt er doch das mitgliederstärkste Bistum Deutschlands. Aber Rainer Maria Woelki hat schon zu erkennen gegeben, dass er sich auf seine Kölner Herausforderungen konzentrieren will. Als strikter Gegner des mehrheitlich befürworteten Synodalen Wegs von Bischöfen und Laien zur Reform der katholischen Kirche hätte er auch kaum Aussicht auf eine Mehrheit.

Von den übrigen drei NRW-Bistümern Aachen, Paderborn und Münster fällt innerhalb der Kirche allenfalls noch der Name von Felix Genn. Der Münsteraner Bischof, der im nächsten Monat 70 Jahre alt wird, war Vorgänger von Overbeck in Essen und könnte sich in die Pflicht nehmen lassen, wenn es zu einer ansonsten verfahrenen Situation kommt. Denn bei der freien und geheimen Wahl ist in den ersten beiden Wahlgängen eine Zweidrittelmehrheit nötig. Erst ab dem dritten Wahlgang genügt die einfache Mehrheit. Wahlberechtigt sind neben den Diözesan- auch die Weihbischöfe, die aber selbst nicht wählbar sind. Offizielle Kandidaturen gibt es nicht und damit auch keinen wie auch immer gearteten Wahlkampf.

Außerhalb von NRW sind eine ganze Reihe weiterer Namen im Gespräch für das Spitzenamt. Allen voran der Bischof von Hildesheim, Heiner Wilmer. Der 58-Jährige ist zwar erst zweieinhalb Jahren im Amt, verfügt aber als ehemaliger Generaloberer der Herz-Jesu-Priester über weltkirchliche Erfahrung und eine entsprechende Weltläufigkeit. Wilmer ist auch ein entschiedener Reformer. Gerade erst hat er bei einer Demonstration der Initiative „Maria 2.0“ erklärt: „Die Kirche muss sich verändern. Für mich persönlich wäre ein ‚Nur weiter so’ Verrat am Evangelium.“ Sein früherer Satz: „Ich glaube, der Missbrauch von Macht steckt in der DNA der Kirche“ wird ihm aber bis heute von konservativer Seite nachgetragen.

Ebenfalls hoch gehandelt ist Georg Bätzing (58). Der Nachfolger von „Skandalbischof“ Franz-Peter Tebartz-van Elst hat es geschafft, mit Verbindlichkeit und Umsicht Ruhe in das Bistum Limburg zu bringen und die Konfliktparteien zu versöhnen. Nicht die schlechteste Voraussetzung für eine katholische Kirche, die einerseits bei vielen Themen unter dem Druck der Basis steht, aber andererseits für ihren Synodalen Weg Gegenwind aus Rom erhält.