Katholiken kontra Kunst

Katholiken kontra Kunst

Fundamentalisten zerstören umstrittenes Kruzifix-Foto.

Avignon. Zuerst besuchten sie die Sonntagsmesse in Avignon, dann schritten sie im Museum für zeitgenössische Kunst entschlossen zur Tat. Der „Kommandotrupp“ — vier junge Männer, die Augen verborgen hinter schwarzen Sonnenbrillen — umklammerte die beiden Wärter, um sogleich mit Hämmern und Schraubenziehern das verhasste Objekt der „Gotteslästerung“ zu demolieren.

Es trägt den provokativen Titel „Piss Christ“ und stammt von Andres Serrano, einem New Yorker Fotokünstler, der bekannt dafür ist, Körperflüssigkeiten wie Speichel, Blut, Urin und Sperma zu verwenden. Das Foto aus dem Jahre 1987 zeigt ein Kruzifix, das in ein Urinbad getaucht ist.

So umstritten das Kunstwerk, so überraschend der Wutausbruch der Demonstranten, darunter überwiegend katholische Fundamentalisten. Schließlich ist es nicht das erste Mal, dass Serrano sein Werk in Frankreich zeigt. Lille hatte es ausgestellt, und in Avignon war es 2006 im Rahmen einer Einzelschau zu sehen.

Warum also jetzt, fragt sich Frankreichs Kunstwelt, die die Freiheit der Kunst in Gefahr sieht. Nun, aus heiterem Himmel passierte die Kunstzerstörung nicht. Schon seit Wochen läuft der Erzbischof von Vaucluse, Jean-Pierre Cattenoz, Sturm gegen Serranos Bild. Mit zunehmend breiter Resonanz: Eine Internetkampagne hat in weniger als zwei Wochen über 80.000 Menschen mobilisiert.

Starken Zuspruch erhält die Kampagne von Anhängern des wieder erstarkten rechtsextremen „Front National“. Am Samstag waren mehrere Hundert Demonstranten zum Kunstzentrum gezogen, das der Pariser Galerist Yvon Lambert vor zehn Jahren im Herzen Avignons errichtet hatte.

Der Zorn der Fundamentalisten richtet sich gegen ihn, aber auch gegen Gönner und Mitorganisatoren. So verlangen die religiösen Eiferer von der Stadtregierung, dass das umstrittene Serrano-Foto unverzüglich aus dem Museum entfernt wird und die Werbeposter aus dem Stadtbild verschwinden. Avignon sei schließlich die Stadt der Päpste

Doch die Bürgermeisterin Marie-Josée Roig, eine Gaullistin, denkt nicht daran, vor den Fundamentalisten und dem Erzbischof in die Knie zu gehen. Sie erklärte sich nach dem Anschlag ebenso solidarisch mit dem Museum wie Frankreichs Kulturminister Frédéric Mitterrand.

Nach dem Bildersturm vom Sonntag schloss das Museum vorübergehend seine Pforten. Doch am Dienstag soll es weitergehen — demonstrativ mit dem zerstörten „Piss Christ“. Die Ausstellung endet am 8. Mai.

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