Kafkas Romanfragment „Amerika“: Großes Theater mit kleinen Puppen

Regisseur Moritz Sostmann schafft zarte, starke und viele komische Momente.

Köln. Mit drei Leuten machen sie an ihm rum. Einer steckt ihm den Regenschirm unter den Arm und nimmt seine Hand, der andere hält Kopf und Koffer und ein dritter umfasst von hinten die kleinen Füße. Karl Rossmann ist nicht viel mehr als einen Meter groß und eine Puppe. Er trägt einen Matrosenanzug, auf der Nase sitzt eine runde Brille, durch die er scheinbar staunend in die Welt blickt. Los geht’s mit überraschend schnellen Schritten. Karl Rossmann ist unterwegs in „Amerika“.

Wie diese Einheit von Schauspielern und Puppe von einer Seite auf die andere marschiert, der kleine Kerl entschlossen dem Ungewissen entgegentritt und dabei doch nur von Menschen gelenkt, geschoben und getragen wird, das ist einer der vielen anrührenden Momente in der Inszenierung von Moritz Sostmann am Kölner Schauspiel.

Er schafft für Kafkas Romanfragment „Amerika“, in dem dieser 16-Jährige in die neue Welt geschickt wurde, weil ihn das Dienstmädchen verführt und ein Kind von ihm bekommen hatte, pathetische wie poetische, komische, traurige und manchmal einfach nur alberne Bilder.

Da darf sich der großartige Bruno Cathomas in blauglänzendem Fatsuit als Opernsängerin von dem Tagelöhner Delamarche (Philipp Plessmann) beim Baden so verwöhnen lassen, dass die Techniker besser schnell den grellroten Vorhang schließen.

Als Zuschauer beobachtet man dieses skurrile und mit Lust gespielte Treiben ebenso erstaunt wie Rossmann aus seinem unbewegten Gesicht, dass doch so viel Ausdruck zu haben scheint. Den sperrigen Text überführt der Regisseur in eine konkrete Geschichte und verliert dabei doch nicht die psychologische und existenzielle Kraft Kafkas. Im Gegenteil: Ihm gelingt erstaunlich lässig großes Theater.

Seine Handschrift ist bei diesem Stück ebenso klar erkennbar wie in seiner Inszenierung von Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“, die bei der Eröffnung der Spielzeit in Köln am deutlichsten überzeugte. Es ist schon sehr besonders, wie er im Miteinander von Schauspielern und Puppen Menschliches klar hervortreten lässt. Wie diese unbelebten Wesen Raum für eigene Interpretationen schaffen. Ein wirklicher Gewinn für das Kölner Theater, das unter dem neuen Intendanten Stefan Bachmann ganz am Anfang steht.

Gesamturteil: 4 von 5 Punkten

Service: 2 Stunden ohne Pause, Vorstellungen 23., 28., 30. Dezember, 7., 9., 26. Januar, jeweils 20 Uhr im Depot 2. Karten: Tel. 0221/22 12 84 00, schauspielkoeln.de

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