Israelin entwickelt eine Wagner-Choreografie.

Israelin entwickelt eine Wagner-Choreografie.

Saar Magal findet es undemokratisch, Wagners Musik in Israel zu verbieten.

München. In ihrer Performance „Hacking Wagner“ beschäftigt sich die jüdische Choreografin Saar Magal mit der Wagner-Rezeption in ihrem Heimatland Israel — beziehungsweise deren Fehlen. Damit will sie eine längst überfällige Diskussion anstoßen. Am Freitag wird ihre Arbeit im Münchner Haus der Kunst uraufgeführt — das 1937 von Adolf Hitler eröffnet und zum Sinnbild der Gleichschaltung der Künste während der NS-Zeit wurde.

Frau Magal, „Hacking Wagner“ klingt nach einem Mammutprojekt und macht in Ihrem Heimatland nicht nur positive Schlagzeilen. Warum tun Sie sich das an?

Saar Magal: Erstens, weil ich es faszinierend finde, zweitens, weil ich das Gefühl habe, ich tue es nicht für mich selbst, sondern für einen höheren Zweck. Für mich geht es nicht nur um Wagner, sondern darum, Demokratie zu leben. Es ist einfach nicht demokratisch, Musik zu verbannen. Ganz ehrlich: Ich habe auch manchmal Zweifel daran, ob Wagner in Israel gespielt werden sollte. Aber für uns, eine Gruppe israelischer und deutscher Künstler, geht es um das Recht, das Thema zu diskutieren, ohne uns dafür rechtfertigen zu müssen.

Wann kamen Sie zum ersten Mal mit Wagners Musik in Kontakt?

Magal: Das war „Parsifal“ in Paris, ich glaube 2006. Alles, was ich bis dahin von Wagner wusste, war, dass es diesen Bann gibt und dass er irgendetwas zu tun hat mit der Nazi-Ideologie. Dann habe ich die „Parsifal“-Partitur mit seinen Anmerkungen aus dem Internet runtergeladen, und da stand, dass die Beziehung zwischen Jesus und den Hebräern zu den größten Lügen der Geschichte gehört. Da dachte ich: „Ja, er war wirklich Antisemit.“ Und um ehrlich zu sein: Ich mag bestimmte Stellen in seiner Musik, aber diese Oper für fünfeinhalb Stunden zu ertragen, das ist tatsächlich Folter.

Fühlen Sie sich nun manchmal wie ein Verräter? Oder werden Sie als solcher behandelt?

Magal: Nein. Meine Großeltern sind alle Holocaust-Überlebende. Und selbst sie sind komplett gegen den Wagner-Bann. Für sie ist es so, als wende man Nazi-Methoden in Israel an. Die Nazis haben Kunst verboten und nur eine einzige erlaubt: die arische. Mein Großvater, der aus Ungarn stammt, vermisst Wagners Musik sogar — und die deutsche Kultur. Sie vermissen das alle.

Wie waren die Reaktionen auf Ihr Projekt in Israel?

Magal: Es hat sehr unterschiedliche Reaktionen gegeben. Die Generation, die in erster Linie ein Problem damit hat, ist wahrscheinlich die zweite Generation. Ich habe noch keinen Holocaust-Überlebenden getroffen, der mir gesagt hat, ich solle das nicht machen. Einige fühlen sich aber schon von der deutschen Sprache angegriffen. Wie weit will man da gehen? Mein Großvater hat mir gesagt: „Wenn wir alle antisemitischen Komponisten verbannen würden, stünden wir mit sehr wenigen da.“ Das heißt nicht, dass der Antisemitismus im 19. Jahrhundert in Ordnung war. Und Wagner war ja selbst für seine Generation noch extrem.

Werden Sie Ihr Werk auch in Israel präsentieren können?

Magal: Es ist sehr wahrscheinlich. Es geht ja darum, Wagner zu zerhacken, die Diskussion darüber zu zerhacken, heilige Kühe zu zerhacken. Es zeigt also — auf bestimmte Weise — alle Meinungen, die es zu diesem Thema geben könnte.

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