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Interview mit Daniel Barenboim: „Musik ist keine Insel“

Interview mit Daniel Barenboim: „Musik ist keine Insel“

Der Dirigent und Pianist Daniel Barenboim über seinen 70. Geburtstag, Lampenfieber und sein Doppelleben als Kind.

Berlin. Rastloses Genie, Hansdampf der Klassik: Kaum ein Künstler ist so vielseitig wie Daniel Barenboim. Der Dirigent und Pianist absolviert ein enormes Programm. Kürzertreten will der Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper, der am Donnerstag 70 Jahre alt wird, jedenfalls nicht.

Maestro, an Ihrem Geburtstag morgen spielen Sie in der Berliner Philharmonie Klavier, Ihr Freund Zubin Mehta dirigiert die Staatskapelle Berlin. Andere Menschen gehen am Geburtstag feiern.

Daniel Barenboim: Ich feiere ja auch — danach. Aber Musizieren ist für mich das größte Vergnügen: Ich schenke mir ein Konzert, der Erlös geht an den Musikkindergarten, den wir in Berlin betreiben. Seitdem ich 40 bin, spiele ich alle zehn Jahre an meinen runden Geburtstagen mit Zubin Mehta. Und auch an seinen.

Mit zehn Jahren hatten Sie bereits Konzerte in Wien, Rom und Tel Aviv gegeben — wussten Sie schon, dass Sie Musiker werden wollten?

Barenboim: Nein, so etwas weiß man in dem Alter nicht. Ich wusste nur, dass ich in und mit der Musik leben wollte, aber zwischen Wollen und Können ist noch eine weite Strecke. Die Frage stellte sich mir erst mit 17.

Also waren Sie mit zehn ein ganz normales Kind?

Barenboim: Ich führte ein Doppelleben. Wenn ich aufstand, war ich eine Dreiviertelstunde erwachsen und habe Klavier geübt. Dann ging ich in die Schule und war wieder Kind. Nachmittags habe ich geübt und danach Fußball auf der Straße gespielt. Meine Mutter hat mich um halb sechs vom Balkon gerufen, ich solle hochkommen, duschen und ein Konzert spielen oder in ein Konzert gehen.

Vom Fußball zu Beethoven. . .

Barenboim: Ich bin meinen Eltern sehr dankbar, dass sie mich so trainiert haben, dass ich mich sofort auf eine Sache konzentrieren kann. Viele Musiker brauchen viel Zeit dafür.

Die Entscheidung für die Musik . . .

Barenboim: . . . ging bei mir ganz natürlich und automatisch. Mit 17 war ich auf einer Tournee in Südamerika. In Brasilien übte ich ein Schubert-Impromptu, die Finger liefen nicht so, wie ich es wollte. Da wurde ich sehr ungeduldig und habe mir gesagt, entweder die Finger laufen oder sie laufen nicht. Es klingt vielleicht melodramatisch, immerhin hatte ich in dem Alter bereits alle Beethoven-Sonaten gespielt. Aber in dem Augenblick wurde mir klar: Ich will nur das machen. Es war der Moment, den ich heute als Zeitpunkt für die Ablehnung der Zweifel sehe.

Und seitdem haben Sie auch kein Lampenfieber mehr?

Barenboim: Doch, aber ich zweifle nicht. Außerdem: Was hätte ich sonst machen sollen? Mich hat aber damals schon gestört, dass viele Musiker sich im Elfenbeinturm fühlten. Artur Rubinstein sagte, er habe viele Freunde auf der Welt, aber keine Pianisten darunter. Denn die hätten nur ein Buch: Das Telefonbuch. Heute würde er sagen: und nicht einmal das, sondern nur das Internet.

Was stört Sie an Spezialisten?

Barenboim: Mein Freund Edward Said sagte, ein Spezialist ist jemand, der mehr und mehr über weniger und weniger weiß. In meiner Kindheit gab es wunderbare Hals-, Ohren- und Nasenärzte. Heute hat man Fachleute nur für das linke Ohr.

In der Musik auch?

Barenboim: Musik wird nicht mehr als Teil der Kultur eines Menschen angesehen. Man lernt Erdkunde, Mathematik, Biologie, aber keine Musik mehr in der Schule. Politiker meinen, das sei zu teuer — und nutzlos. Dann fällt immer das Beispiel Hitler, der Millionen Menschen umbringen ließ, aber zu Tränen gerührt sein konnte beim „Lohengrin“ in Bayreuth. Dem antworte ich: Wer die Werte der Musik versteht, kann kein Massenmörder sein.

Das klingt sehr optimistisch.

Barenboim: Wir müssen eine Verbindung zwischen der Musik und dem realen Leben schaffen. Musik muss organischer Teil des Lebens sein, keine Insel.

Musik darf nicht entspannen?

Barenboim: Klar, das darf sie auch. Stellen Sie sich vor, Sie haben Zahnschmerzen, Krach mit Ihrem Partner oder waren beim Steuerberater. Da legen Sie ein Nocturne von Chopin auf. Das ist nicht weiter schlimm. Aber Musik ist doch viel mehr als das.