Grönemeyer-Konzert: Herbert schwappt über

Konzert: Herbert schwappt über

Grönemeyers Auftritt in Köln beweist einmal mehr: Der Sänger liefert sich aus mit Haut und Haar – und wird dafür geliebt.

Baut dem armen Kerl endlich eine Rundbahn auf! Herbert Grönemeyer hat die Bühne der ausverkauften Lanxess-Arena noch gar nicht betreten, da sehen ihn die Zuschauer auf den Seitenrängen neben der Bühne schon hinter dem Sichtschutz ungeduldig hüpfen und springen. Dann wird das 62-jährige Energiepaket von der Leine gelassen und es dauert neun Stücke, bis Grönemeyer auf Bühne und Laufsteg genug Dampf abgelassen und eine ausreichende Zahl seiner komprimierten „Hey“-, „Ja“- und „Yeah“-Rufe aus dem Bauchraum herausgeschleudert hat, um ein paar Gänge zurückschalten zu können und „eines der schönsten Lieder, die ich bisher geschrieben habe“, zu singen: „Mein Lebensstrahlen“ von seinem neuen Album „Tumult“.

Als er halb so alt war wie heute, hat Grönemeyer mal zehn Jahre in Köln gelebt. Seine Tochter Marie ist hier geboren, sein Album „4630 Bochum“ wurde 1984 im EMI-Studio am Kölner Maarweg aufgenommen. Und 35 Jahre später kann er es sich sogar ungefährdet leisten, in dieser Stadt mit einem eher verhaltenen Song wie „Sekundenglück“ zu starten. Das Stück ist noch nicht zu Ende, da hat die abendliche Herzensverbindung zu seinem Publikum schon begonnen – und sie wird für die folgenden zweieinhalb Stunden und 32 Lieder Bestand haben.

Die Herbert-Wirkung und
eine passende Geste dazu

Grönemeyer gehört zu jener Art von Stars, die man ungeniert beim Vornamen nennt, auch wenn man ihnen noch nie persönlich begegnet ist. Das hat nicht nur mit seinem Auftreten zu tun, das die meisten Menschen, wenn sie nicht gerade dem Paparazzo-Gewerbe nachgehen, wohl als nahbar bezeichnen würden. Die Herbert-Wirkung geht tiefer. Ziemlich genau in der Mitte des Konzerts macht Grönemeyer eine treffende Geste dazu. Da reißt er bei „Mensch“, diesem vom Leben wund geleckten Titel, nicht nur zum wiederholten Mal die Arme breit ausgestreckt nach oben, sondern biegt auch den Rücken besonders stark durch und neigt den Kopf weit nach hinten.

Bei anderen Bühnenheroen mag das die ultimative Geste der Selbstinszenierung sein. Bei Herbert Grönemeyer wirkt es eher wie ein Zeichen der Bereitschaft, sich seinem Publikum mit Haut und Haar auszuliefern. Verausgabung und Hingabe gehen bei ihm Hand in Hand. „Und Du denkst, Dein Herz schwappt Dir über“, lautet eine Zeile aus „Sekundenglück“. Auch Herbert schwappt permanent über und überschwemmt sein Publikum mit Sentiment. Es wäre für Linguisten ein gewiss fruchtbares Thema einer Bachelor-Arbeit, in Grönemeyer-Texten den emotionalen Opulenzwörtern nachzuspüren.

Vielleicht ist das nur auszuhalten und funktioniert deswegen so ausnehmend gut, weil Grönemeyer selbst dieser Gefühlsintensität genug Reibungsfläche bietet: durch seinen Stakkatogesang, der gelegentlich mit einem tief rollenden „R“ gar ins Wilhelminische abgleitet und bei zu hohem Adrenalinspiegel auch endgültig ins Unverständliche; durch die gekonnt unbeholfenen Tanzeinlagen; durch seine eigenwilligen Betonungen und Wortschöpfungen.

„Warten, bis der Tag bricht“, „Es bräunt die Wut“, „Propeller einfach mit mir mit“ – Grönemeyers Fabulierlust haftet etwas Verspieltes an. Manchmal sucht man vielleicht länger nach dem Sinn, als er sich selbst darüber Gedanken gemacht hat. Aber spätestens bei den Liebesliedern kniet man innerlich nieder vor Dankbarkeit, dass da einer mal endlich nicht auf den ausgelutschten Pfaden des sprachlichen Gesäusels wandelt. „Du packst Makel glitzernd ein“, so schön muss man das Gefühl des bedingungslosen Geliebtseins erst mal in Worte fassen können.

Fantastisches Gerüst
aus neun Musikern

Es gibt ein Gerüst, auf das sich Grönemeyer ähnlich bedingungslos verlassen kann. Neun Musiker sind mit ihm auf „Tumult“-Tour, zum Teil begleiten sie ihn schon seit Jahrzehnten, der fantastische Gitarrist Stephan Zobeley beispielsweise. In Köln hat man besonders aufmerksam registriert, dass mit Pit Hupperten auch ein Mitglied der „Bläck Fööss“ dabei ist – als Backgroundsänger. Und für „Doppelherz“, diese Hymne auf die Zerrissenheit zwischen alter und neuer Heimat, kommt noch der sympathische Berliner Rapper BRKN auf die Bühne, der zwei Stunden zuvor schon das Vorprogramm bei da nur halb gefüllter Halle übernehmen durfte.

Eine jahrzehntelange Karriere führt in der Regel auch dazu, dass das Publikum nicht mehr blutjung ist. Aber Grönemeyers energiegeladener Auftritt, seine Powerband und die großartigen Licht- und Leinwandeffekte  des Abends entlassen es gegen 23 Uhr mit dem Gefühl in die Nacht: Die beste Zeit ist noch nicht vorbei.

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