Fotografin Herlinde Koelbl: Vom Schlafzimmer zu Spuren der Macht

Fotografin Herlinde Koelbl: Vom Schlafzimmer zu Spuren der Macht

Die Ludwiggalerie in Oberhausen zeigt eine Werkschau von Herlinde Koelbl. Die Bilderserien über mehre Jahre sind Sozialstudien.

Oberhausen. Herlinde Koelbl (75) ist dieser Tage ausgebucht. Drei Ausstellungen ihrer Werke laufen gerade parallel, eine weitere startet nächste Woche. Dennoch hat sie es sich nicht nehmen lassen, ihre Werkschau in der Ludwiggalerie im Schloss Oberhausen selbst zu kuratieren und ihre Fotografien selbst zu arrangieren. Morgen wird „Herlinde Koelbl: Das deutsche Wohnzimmer, Spuren der Macht, Haare und andere menschliche Dinge — Fotografien von 1980 bis heute“ eröffnet.

Foto: dpa

Bis zum 3. Mai zeigt die Ausstellung Werke aus fast allen Serien Koelbls. „Ein Ausschnitt aus meinem Künstlerwerkzeugkasten, den ich benutze“, sagt sie. Fotografien, Texte und Videos — das sind die Werkzeuge der Künstlerin, die erst 1976 zur Fotografie kam. Im Mittelpunkt steht immer der Mensch und seine „elementaren Themen“. „Obwohl sie so unterschiedlich sind, haben sie alle einen roten Faden“, sagt sie. Macht, Beziehungen, Vergänglichkeit. Koelbl will in die Tiefe gehen, daher macht sie immer Langzeitstudien. Sie möchte die Menschen abbilden, sie aber auch sprechen lassen, daher gehen mit den Bilderserien oft auch Bücher oder Filme einher, in denen die Porträtierten zu Wort kommen.

So sind die Bilder von Bundeskanzlerin Angela Merkel, Ex-Außenminister Joschka Fischer und dem ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder aus ihrer Serie „Spuren der Macht“ auch in der Ausstellung stets begleitet von Zitaten aus Gesprächen mit der Künstlerin. Schröder hat Koelbl 15 Jahre lang einmal im Jahr mit der Kamera besucht. Die Veränderung ist beeindruckend.

Sie gebe keine Regieanweisung und habe bewusst auf Symbole der Macht oder geschmückte Räume verzichtet. Beim Fototermin 1996 holt Schröder, der damals niedersächsischer Ministerpräsident und auf dem Weg zur Kanzlerkandidatur war, dann aber plötzlich eine dicke Zigarre hervor und posiert damit. Koelbl lässt ihn.

Angela Merkel beginnt schon 1991 mit den Händen vor dem Körper das berühmte Dreieck zu formen. Unter dem Bild steht ein Zitat aus dem Interview mit ihr: „Ich fühle mich hier weder besonders sicher, noch finde ich, dass ich besonders bequem sitze.“ 2008 entsteht das letzte Bild. Merkel mit selbstsicherem Blick. Mit der einen Hand hält sie den Zeigefinger der anderen.

Mit Koelbl gelangt der Betrachter in die Wohnzimmer unterschiedlichster Menschen. Und in ihre Schlafzimmer. Bilder aus den Serien „Das deutsche Wohnzimmer“ oder dem Nachfolger „Schlafzimmer“ zeigen den Menschen in seiner gewohnten Umgebung, die Einrichtung, und was sie über ihn erzählt — eine Sozialstudie. Ein Fabrikant im prunkvollen Wohnzimmer mit schmückender Gattin und Sohn. Dagegen die einfache Stube eines einsamen Bauern, Wäsche hängt über dem Kamin.

Das Vertrauen zur Fotografin muss groß gewesen sein, als Menschen in London, Berlin, Moskau oder Rom Koelbl mit ins Schlafzimmer nahmen. Sie porträtiert etwa einen Mann und seine Frau schlafend im Ehebett, das in einem Raum steht, der kaum größer ist als das Bett selbst. „Kleider machen Leute“ ist auch eine solche Studie, die den Betrachter schmunzeln lässt. Eine Richterin am Bundesverfassungsgericht steht mit stolzem Blick und kerzengerade in der roten Richterrobe da. Daneben ein Foto der selben Frau in Freizeitkleidung, ein Bein locker angewinkelt, lächelnd.

Auch bei den „Jüdischen Porträts“ von 1989 gehören die Antworten der Menschen untrennbar dazu. Die letzte Generation jüdischer Deutscher, die den Holocaust miterlebt hatten, spricht über Religion, Heimat, Tradition und Kultur. „Bei dieser Arbeit ist mir klargeworden, was Deutschland verloren hat“, sagt Koelbl.