So ist der Tatort "Treibjagd" aus Hamburg

Tatort-Kritik: Deshalb lohnt sich der Tatort "Treibjagd" aus Hamburg

Julia Grosz und Thorsten Falke müssen eine Einbruchsserie aufdecken und sich gleichzeitig mit einer Bürgerwehr auseinandersetzten, die einen Shitstorm gegen die Polizei lostritt und mit geladenen Waffen gegen Einbrecher vorgeht.

Die Bürger von Hamburg-Neugraben haben das Vertrauen in die Polizei verloren. Seit Wochen wird die Nachbarschaft von Einbrechern heimgesucht. Sie fühlen sich "von der Politik im Stich gelassen", denn auch die neu eingerichtete SoKo der Polizei kann die Einbruchsserie nicht stoppen. Als scheinbar letzten Ausweg organisieren sich die Nachbarn in einer Bürgerwehr. Im Internet-Forum "Nachbarschaftswache Neugraben" teilen die bestohlenen Bürger in erster Linie ihre Wut auf Polizei und Politik.

Die angespannte Situation kippt, als Dieter Kranzbühler einen Einbrecher auf frischer Tat ertappt und erschießt. Die Nachbarschaftswache jubelt. Endlich tut mal einer was. Die Frau von der Tankstelle stellt dem zielsicheren Schützen einen Tankgutschein über 100 Euro aus. Doch ganz so einfach ist die Sache nicht, denn - wie die Kommissare schnell herausfinden - hat Kranzbühler nicht aus Notwehr gehandelt, sondern auf den unbewaffneten Einbrecher geschossen und ihm anschließend eine Spielzeugpistole in die Hand gedrückt. Dumm nur: Kranzbühlers zweiter Schuss hat die Komplizin des Einbrechers nur gestreift und diese ist jetzt schwer verletzt auf der Flucht.

Kommissar Thorsten Falke (l) ist erleichtert - Sohn Torben (Levin Liam) geht es gut. Foto: dpa/Sandra Hoever

Was folgt ist eine filmisch wunderbar und sehr spannend erzählte Verfolgungsjagd. Denn nicht nur die Polizei ist auf der Suche nach der Einbrecherin, auch die Nachbarschaftswache, rund um Dieter Kranzbühlers Bruder Bernd will sie finden, um Dieter zu decken. Maja Kristeva, die Einbrecherin, versucht sich zunächst schinbar nur möglichst unauffällig (sofern das in ihrem Zustand geht) aus der Schussbahn zu bringen. Erst mit der Zeit offenbaren sich dem Zuschauer ihre Rachepläne, denn schließlich war der erschossene Einbrecher ihr Freund.

#WehrtEuch

Die Nachbarschaftswache fährt im Verlauf des Falls immer schärfere Geschütze auf. Was noch mit reiner Kritik an der Polizeiarbeit beginnt ("Die haben 57 Minuten gebraucht, bis sie am Einsatzort waren"), entwickelt sich im Verlauf zu einer Treibjagd auf die Beamten. DiePrivatadressen von Falke und Grosz landen im Netz. Falkes Sohn wird auf offener Straße verhaftet. Was als Schutz für die Nachbarschaft begonnen hat, gipfelt in Selbstjustiz und Kriminalität. Falke brilliert durch zielsichere Analysen: "Internetvideo ist Scheiße" und "Internet ist für Spacken".

Der Tatort "Treibjagd" hält über volle 90 Minuten die Spannung und weiß trotz der scheinbar klaren Täter-Opfer Rollen immer wieder zu Überraschen. Denn so klar sind die Rollen eben nicht verteilt. Im Verlauf wechseln die Sympathien und Antipathien für die Einbrecherin und die Nachbarn immer wieder. Der Film schafft eine gute Balance und vermeidet den erhobenem Zeigefinger und Kater Elliot ist auch wieder dabei. Schon alleine dafür lohnt sich das reinschauen :)

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