Interview: „Ob man zum Voyeur wird, das liegt an einem selbst“

Interview: „Ob man zum Voyeur wird, das liegt an einem selbst“

Regisseurin Doris Dörrie spricht über ihren neuen Film „Die Friseuse“ und über das Dicksein.

Frau Dörrie, niemand möchte dick sein, schon gar nicht so wie "Die Friseuse" Kathi in Ihrem Film. Wollen Sie trotzdem eine Lanze für füllige Figuren brechen?

Doris Dörrie: Der Film bricht keine Lanze für das Dicksein, sondern dafür, dass man aufhört, jemanden aufgrund seines Gewichts zu beurteilen. Das ist sehr verletzend, wie ich selbst gemerkt habe, als ich probeweise im Fatsuit (ausgepolstertes Spezialkostüm) durch Berlin gelaufen bin.

Dörrie: Blicke, Kommentare, Getuschel, Wegschauen, Augenverdrehen, und das permanent. Man kann nicht mehr unsichtbar werden, wenn man so aussieht. Das trifft aber genauso auf jeden Schwarzen oder Türken zu. Auf jeden, der anders aussieht, als die Mehrheit. Als kleinen Effekt meines Films würde ich mir wünschen, dass man Menschen nicht wegen ihres Aussehens beurteilt.

Dörrie: Am Anfang lacht man unwillkürlich, wenn sie nackt zu sehen ist. Das hört aber schnell auf, weil man immer mehr mit ihr fühlt. Und sie ist ja auch so selbstironisch und humorvoll, dass sie einen einlädt, mit ihr zu lachen. Wenn sie beispielsweise nicht in die Röhre zur Computertomographie passt, dann macht sie selbst einen Witz darüber.

Dörrie: Ich wollte, dass man die Körperlichkeit dieser Frau begreift. Begreift, was es bedeutet, sich jeden Morgen aus dem Bett zu hieven. Ob der Zuschauer dann zum Voyeur wird, das liegt an jedem selbst. Männer verkraften da weniger als Frauen.

Dörrie: Das hat nichts mit der Filmbranche zu tun, sondern mit uns. Die Filmbranche bildet nur das ab, was gesellschaftlich vorhanden ist. Ich finde es absurd, dass wir Frauen uns immer kleinere Schubladen bauen, in die wir passen wollen: Welche Kleidergröße ist noch okay? 36? Wie alt dürfen wir noch sein? Ist 26 schon zu alt? Ich finde es verrückt, dass wir das nach all den Jahren der Frauenbefreiung hinnehmen.

Dörrie: Es ist eine Entscheidung zum Glücklichsein. Sie versucht, das Beste aus jedem Tag zu machen. Sie geht raus und nimmt den Kampf auf. Sie ist das Gegenteil eines Jammerlappens.

Dörrie: Natürlich, das kann jeder jeden Tag schaffen.

Dörrie: Ich habe mich in die Hauptfigur verliebt. Sie basiert auf einer real existierenden Friseuse, mit der ich viel Zeit verbracht habe. Und sie war ein Schlüssel zu der Geschichte, weil sie so ist, wie Kathi: offen und optimistisch.

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