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Edgar Selge: Der rätselhafte Herr Gärtner

Edgar Selge: Der rätselhafte Herr Gärtner

Sein Spiel geht unter die Haut: Im Nachkriegsdrama "Das Zeugenhaus" schlägt der Schauspieler leise Töne an.

Düsseldorf. Es sind jene feinen Nuancen, die große Schauspielkunst auszeichnen. Edgar Selge hat dieses besondere Gespür. Sein mehrfach preisgekröntes Spiel geht dem Zuschauer nachhaltig unter die Haut. Auch seine aktuelle leise, aber bewegende Rolle in dem spannungsgeladenen TV-Nachkriegsdrama „Das Zeugenhaus“ (ZDF, Montag, 20.15 Uhr) über die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse und die bizarrste Wohngemeinschaft der deutschen Geschichte wirkt lange nach.

Herr Selge, die wahre Begebenheit, auf der dieser Film basiert, scheint heute unfassbar: Während der Nürnberger Prozesse wohnten Opfer des Nationalsozialismus, Mitläufer und Mittäter in einem Gästehaus unter einem Dach und warteten auf ihre Aussage vor Gericht. Was hat Sie an diesem Stoff gereizt?

Edgar Selge: Mir hat an der Umsetzung des Buchs von Christiane Kohl vor allem gefallen, dass die Bewohner des „Zeugenhauses“ nicht bewertet und die Täter nicht als Bestien dargestellt werden. Man kann sie beobachten und lernt etwas über sie. Jeder Einzelne dieser Zwangs-Gemeinschaft ist in Dinge verwickelt, über die er nicht sprechen und am liebsten vergessen machen will. Alle versuchen so zu leben als habe der Judenmord nicht stattgefunden.

Sie spielen den rätselhaften Herrn Gärtner, der beharrlich schweigt und sich von den anderen Hausbewohnern fern hält. Wie schnell haben Sie das Rollenangebot angenommen?

Selge: Ich habe nicht lange überlegen müssen. Es ist zwar eine kleine Rolle, aber eine, die einem deutschen Schauspieler selten angeboten wird. Im norwegischen und israelischen Film habe ich erschreckende Nazitäter gespielt — und die Erinnerung an diese Dreharbeiten ist mir viel wert und unvergesslich. Mit Herrn Gärtner hatte ich die Möglichkeit, einen jüdischen KZ-Überlebenden zu spielen.

Wie groß war Ihr Respekt vor dieser Rolle?

Selge: Je näher der Dreh kam, desto mehr Befangenheit breitete sich in mir aus. Denn wie im eigenen Leben auch, ahnt man das Ausmaß menschlicher Zerstörungskraft erst aus der Perspektive des Opfers.

Und wie haben Sie diese schauspielerische Herausforderung gemeistert?

Selge: Mit Hilfe des Regisseurs Matti Geschonneck. Wir trafen uns vor den Dreharbeiten und er erzählte von seinem Vater, der als Kommunist in Buchenwald war, unter höchsten Strapazen überlebte und es schließlich schaffte, dort kurz vor der Befreiung des Lagers aus eigener Kraft auszubrechen. Geschonnecks Erzählungen über seinen Vater haben mir ein Gefühl für meine Rolle gegeben. Er verscheuchte damit jeden Anflug, Betroffenheit zu spielen oder irgendeine Form der Opferhaltung. Für das, was ich dann letztlich spielte, habe ich kein Wort — nur: jemanden zu spielen, der es aushalten muss, noch am Leben zu sein. Der sich dafür schämt, überhaupt überlebt zu haben.

Wir leben heute in einer Demokratie. Meinen Sie, dass jener breite Opportunismus und die Massenmanipulation, die der NS-Diktatur damals den Nährboden bereitet hatten, in unserer Gesellschaft wieder möglich werden könnten?

Selge: Sicherlich, aber in einer anderen Form. Wir denken, wir leben in einer Demokratie, die haben wir in der Schublade und die kann uns keiner mehr wegnehmen. Aber so ist es nicht. Seine Rechte muss man sich jeden Tag neu erarbeiten. Demokratie ist kein Geschenk, das man auf Dauer bekommt. Wenn man mitentscheiden will, in welche Richtung eine Gesellschaft geht, dann muss man dafür seine Stimme erheben. Das kann durchaus unangenehm sein. Doch wenn man schweigt, übernehmen andere das Ruder. Die Macht liegt auf der Straße und jeder kann sie sich greifen. Eine Demokratie muss ihren Wert lebendig werden lassen.