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Dokudrama: „The Real American - Joe McCarthy“

Dokudrama: „The Real American - Joe McCarthy“

New York (dpa) - Nach seinen Gegnern sind Straßen und gar ein Flugzeugträger benannt, er selbst ist dem politischen Amerika eher peinlich: Joseph McCarthy hat die US-Innenpolitik der fünfziger Jahre geprägt, sein Name wurde Synonym für Hexenjagd.

Jetzt hat Lutz Hachmeister ihn porträtiert.

Wenigen Politikern ist es beschieden, dass ein Politikstil, ja eine ganze Ära nach ihnen benannt wird. Joseph McCarthy ist so einer, doch „McCarthyism“ ist kein Ehrentitel, keine Verneigung vor einem großen Staatsmann. Es ist das Schimpfwort für Hysterie in der Politik, für Hexenjagd und Verfolgungswahn und gleichsam eine Mahnung vor zu viel Emotion in der Politik. McCarthy hat seine Zeit nachhaltig geprägt. Jetzt hat der deutsche Filmemacher Lutz Hachmeister den „The Real American - Joe McCarthy“ porträtiert.

Sein eineinhalbstündiger Film ist keine gewöhnliche Dokumentation. Alte Filmaufnahmen mit dem Senator machen den kleinsten Teil aus. Stattdessen stellt Hachmeister Szenen nach, in denen Schauspieler die Protagonisten verkörpern, einschließlich des jungen Vizepräsidenten Richard Nixon. Die Szenen werden nur von den Aussagen von Zeitzeugen oder Wissenschaftlern unterbrochen, einen Erzähler gibt es nicht.

„Wenn er nur halb so übel gewesen wäre wie jeder sagt, dann hätte ich nie für ihn gearbeitet“, nimmt sein früherer Mitarbeiter James Juliana McCarthy in Schutz. Und die konservative Publizistin Ann Coulter sagt sogar, „er hat Amerika gerettet, so wie Ronald Reagan 20 Jahre später die Welt gerettet hat“. McCarthy sei dämonisiert worden.

Was hat dieser Hinterbänkler aus Wisconsin überhaupt gemacht? McCarthy formte einen unbekannten Ausschuss des Senats in ein Kampforgan gegen Kommunisten um. Oder zumindest vermeintliche Kommunisten. Überall sah er „die Roten“, erst im Außenministerium, dann in den Streitkräften und zuletzt gar im Weißen Haus. Ironie der Geschichte: Zuweilen war da Moskaus fünfte Kolonne wirklich.

Hachmeister zeichnet das Bild eines Mannes, der die Hysterie nur entfachte, um wiedergewählt zu werden. „Er war ein Politiker, der sehr genau wusste, wie man die öffentliche Meinung nutzt“, sagt Henry Kissinger in dem Film. Und der Außenminister unter Nixon wird sogar undiplomatisch deutlich: „Er war ein Populist.“

Kann man Amerika die Hysterie übelnehmen? Ist es nicht verständlich, dass ein Land kurz nach dem Krieg Angst vor dem Kommunismus hat, nachdem der Nationalsozialismus gerade nie dagewesenes Leid über die ganze Erde gebracht hatte? Die Frage stellt Hachmeister nicht. Er zeigt stattdessen, wie McCarthy gegen „Homosexualität und andere Perversionen“ vorgeht - während sein engster Mitarbeiter, Roy Cohn, intensive schwule Affären hatte. Ist es wichtig, dass Cohn 1986 an Aids starb? Hachmeister beschreibt es und zeichnet immerhin das Bild eines Mannes, der noch auf dem Totenbett lächelnd andere und sich belügt: „Aids? Ich habe kein Aids.“

„Er hatte durchaus Charme und Wärme. Er war nicht nur das totale Monster“, sagt ausgerechnet Leon Kamin, dessen Rauswurf von der Universität McCarthy veranlasste. „Aber als die Todesnachricht kam, ich schäme mich fast, es zu sagen, dachte ich: Es war Zeit.“ McCarthy starb mit 48 an den Folgen seines Alkoholismus. „Er sagte: "Den Ärzten zufolge sterbe ich, wenn ich nur noch einen Tropfen Alkohol trinke"“, erzählt sein Biograf Thomas Reeve in dem Film. „Dann hat er sich ein Glas randvoll mit Whiskey eingegossen und ausgetrunken. Es war Selbstmord! Joseph McCarthy hat Selbstmord begangen.“