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Kultur: Feininger und die Kirche von Gelmeroda

Kultur : Feininger und die Kirche von Gelmeroda

Der erste Meister, der schon 1919 ans Bauhaus berufen wurde, wird im Essener Museum Folkwang mit einer brillanten Kabinettausstellung vorgestellt.

. Lyonel Feininger (1871–1956) ist in New York geboren und gestorben, aber er lebte 50 Jahre in Deutschland, bis ihn die Nazis davonjagten. Mit 16 Jahren kam er nach Europa, um wie sein Vater, ein Geiger, ein Violinstudium zu absolvieren. Er nahm Zeichenunterricht in Hamburg, studierte Kunst in Berlin und war mit 22 Jahren als Karikaturist beim Berliner Tageblatt angestellt. Über Paris, wo er sich von der Malerei des Kubisten Robert Delaunay inspirieren ließ, kam er zu seinem eigenen Stil und begann, die Realität auf geniale Weise zu überhöhen. Der Trumpf, den das Folkwang-Museum in seiner Kabinettausstellung zu bieten hat, ist das Ölgemälde „Gelmeroda IX“ (1926), die einzige Leinwand der berühmten Serie in deutschem Besitz.

Aus einer Dorfkirche macht der Maler einen kosmischen Raum

Zum ersten Mal näherte er sich zeichnend diesem Kirchlein im Juni 1906. Wer Gelmeroda besucht, dieses Dorf mit seinen 416 Einwohnern, das heute zu Weimar gehört, wundert sich über die Vorliebe des Künstlers für dieses Gebäude. Die heutige Autobahnkirche liegt bescheiden inmitten von Äckern auf einer leicht erhöhten Ebene. Sie zeichnet sich lediglich durch einen schlanken, achteckigen Spitzhelm und ein eigenwillig asymmetrisch angeordnetes Zifferblatt der Turmuhr aus.

Kurz nach der Wende sah alles in dieser Dorfgemeinde mit den Arbeiterhäuschen noch recht trist aus. Mit der Ernennung Weimars zur Kulturhauptstadt Europas 1999 wurde das Kirchlein eher kitschig mit einer „Lichtskulptur“ in den Farben des Gelmeroda-Bildes erleuchtet. Schade. Im Originalzustand hätten die Besucher eher verstanden, wie Feininger von der Ansicht des Gebäudes in die Abstraktion gefunden hat.

Der Künstler und Bauhaus-Lehrer war ein genauer Beobachter. Er fuhr mit dem Rad durch die Gegend und hielt das Gesehene dann mit dem Zeichenstift und der Radiernadel fest. Aus dem idyllischen Ort, wo sich die Füchse gute Nacht sagen, entwickelte er schließlich ein kosmisches Welt- und Architekturwunder. Er konnte alles schauen und alles überhöhen, selbst die banalste Wirklichkeit verwandelt er in prismatische Formen und in transparente Farben. Aus der Dorfkirche, deren Fundamente aus der Zeit zwischen 900 und 1100 datieren, wurde die Feininger-Kirche.

Das Bildnis aus Essen ist das beste Beispiel für einen großen Kubisten, der zugleich ein großer gegenständlicher Maler ist. Keiner betrachtete die banale Wirklichkeit so visionär wie er. Seine Dorfkirche ist für ihn ein Symbol von Licht und Raum. 20 Mal besuchte er sie. Elf Ölbilder und 25 Zeichnungen oder Aquarelle widmete er ihr. Im Essener Gemälde überhöht er sie ins Geistige, schiebt die Farbschichten wie Farbschleier übereinander, als wolle er das Irdische im Überirdischen aufstrahlen lassen.

Er selbst hatte keine grafische Ausbildung, aber seine zweite Frau war Künstlerin und brachte ihm das Lithografieren und Radieren bei. Beispiele im Folkwang-Museum sind die Blätter etwa zu Mellingen in Thüringen. Die Dorfkirche St. Georg gehört zum Kirchspiel Mellingen-Umpferstedt im Kirchenkreis Weimar. Sie hat eine glockenförmig geschweifte Dachform im Turm, die es dem Künstler besonders angetan hat. Feininger schiebt den Turm in die Höhe. Das oberste Dach über der Kuppel wirkt wie ein Pfeil, der in den Himmel stößt. Die Serie startet er mit einem Holzschnitt, in dem er fast abstrakt die Häuschen mit den Spitzdächern übereinander stapelt, ohne die Realität gänzlich zu verleugnen.

Er verleugnet aber auch seine Anfänge als Karikaturist nicht. Das wird in der „Grünen Brücke“ deutlich, einem sehr erzählerischen Werk. Eine Figur steht auf einer Brücke, möglicherweise ein Alter Ego, und schaut auf die Dorfbewohner, die zwischen den verwinkelten Häusern auf dem Straßenpflaster laufen.

Die Bake schiebt sich aus dem blauen Meer von Prismen empor

Zu den Vorzeigewerken in der Ausstellung gehört „Leuchtbake I“ (1913). Es handelt sich um eine turmartige Konstruktion mit Seezeichen an der Spitze. Der Maler lässt  das Bauwerk aus einem blaugrauen Meer von Prismen emporsteigen und von einem Strahlenbündel erleuchten. Der technikbegeisterte Künstler hat sich mehrfach für derlei Aufbauten interessiert.

Zur Vita nur so viel: Feininger war zweimal verheiratet. Mit der ersten Frau hatte er zwei Töchter, mit der zweiten Frau drei Söhne. Aus dieser Zeit des Familienlebens stammt „Die Stadt“, ein inzwischen etwas abgewetztes Spielzeug aus bemalten Holzhäusern. Beide Frauen waren Jüdinnen, die erste Frau starb im KZ. Kurz vor der Ausstellung zur „Entarteten Kunst“ verließ er Deutschland und kehrte auch nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wieder zurück. Seine einstige Heimat in Thüringen aber bewahrt sein Andenken. In Quedlinburg pflegt die Lyon-Feininger-Galerie sein Erbe.

In Essen beschlagnahmten die Nazis bis auf einen  Holzschnitt den gesamten Feininger-Bestand. Die heutige Sammlung besteht aus Ankäufen nach dem Zweiten Weltkrieg.