Düsseldorf: Es gibt nichts Verlogeneres als „die Wahrheit“

Düsseldorf : Es gibt nichts Verlogeneres als „die Wahrheit“

Die „Spiegel“-Affäre um den Lügen-Reporter Claas Relotius bringt Redaktionen aller Medien in Erklärungsnot. Am Ende könnte sie jedoch allen nützen: Lesern und Journalisten, sogar der Demokratie – wenn wir die richtigen Lehren daraus ziehen.

. Die Konkurrenten des „Spiegel“ um Aufmerksamkeit, große Namen und Leitmedien-Status fühlen sich in diesen Tagen zu besonders feierlichen Kommentaren über den Fall Relotius berufen. „Journalisten müssen der Wahrheit dienen, nicht dem eigenen Ruhm“, überschrieb die Süddeutsche am 22. Dezember ein Meinungsstück zum Betrug des Reporter-Darstellers. Was dann folgte, war ein klassisches Eigentor: Auch Egon Erwin Kisch (1885-1948), „später der größte aller Reporter“, so die Autorin, sei verführbar gewesen. Als junger Mann, so behaupte er es in seinen Memoiren, sei er von seiner Zeitung zu einem Mühlenbrand geschickt worden. Doch die Kollegen von der Konkurrenz seien längst da gewesen, hätten die besseren Kontakte zu Polizei und Feuerwehr gehabt, genauere Informationen bekommen. Kurz, so die Autorin: „Kisch konnte nicht besser sein als die anderen – und hatte eine Idee. Er begann zu fantasieren. Er ließ Obdachlose im Schein der Flammen auftauchen, er beschrieb, wie sich ein gewalttätiger Hüne und ein Gendarm drohend gegenüberstanden.“

Fast alle Journalisten kennen diese Geschichte über den Brand der Schittkauer Mühlen 1912 in Prag, die „der rasende Reporter“ (Kisch über Kisch) selbst über seinen Entschluss verbreitete, fehlende Fakten durch Fabulierkunst zu ersetzen. Er schilderte sie 1942 in „Marktplatz der Sensationen“ unter der Überschrift „Debüt beim Mühlenfeuer“. Das Stück ist glänzend geschrieben: „Ich lutschte an meinem Bleistift. Entlutschte ihm, dass das Städtische Nachtasyl in der Nähe der Schittkauer Mühlen lag. Mein Bleistift trieb eine Gruppe von Obdachlosen zum Brandplatz. Mein Bleistift sah, wie sie fasziniert sich gegen den Feuerherd vorschoben, mein Bleistift half ihnen, sich dem Kordon der Polizei zu nähern, denen sie sonst eilig und in weitem Bogen auszuweichen pflegen. Die Polizei, von dichtem Dunkel umgeben, sah nicht, was mein Bleistift sah, sah nicht, welcher Art die sich heranwalzende Menge war.“

Und so geht das weiter. Kisch schildert, wie ihm am folgenden Tag ein Reporter der Konkurrenz namens der Kollegen schwere Vorwürfe machte und zitiert ihn mit den Worten: „Mit Ihren Lügen bringen Sie uns um die Existenz. Heute morgen schnauzt mich der Chefredakteur an, wieso ich die Obdachloseninvasion auf der Brandstätte nicht einmal mit einem einzigen Wort erwähnt habe.“ Und es helfe nicht einmal, Kisch der Lüge zu bezichtigen. Sein Chef habe wörtlich zu ihm gesagt: „Komisch, dass sich die anderen immer die interessantesten Lügen ausdenken und Sie immer nur die langweiligste Wahrheit wissen.“ Die Schittkauer Mühlen sollen schließlich sein Damaskus-Erlebnis gewesen sein, beendet Kisch den Text: „Gerade weil mir bei der ersten Jagd nach der Wahrheit die Wahrheit entgangen war, wollte ich ihr fürderhin nachspüren. Es war ein sportlicher Entschluss.“

Sein Bericht ist eine kreuzbrave Faktenaufzählung

Diese angebliche Wandlung Kischs vom angeblichen Saulus zum angeblichen Paulus wird im deutschen Journalismus immer und immer wieder erzählt. Aktuell in der Süddeutschen, 2016 noch von Paul-Josef Raue (mit Wolf Schneider, Autor „Handbuch des Journalismus“) in einem Text, der eigentlich grobe Fehler seiner eigenen Berichterstattung korrigieren sollte. Der Schönheitsfehler ist: Kisch hat sich die Geschichte seiner angeblichen Fälschung ausgedacht – es ist kein Wort wahr. Sein Bericht vom Mühlenfeuer in der „Bohemia“ vom 10. Dezember 1912 ist eine kreuzbrave Faktenaufzählung, detailversessen bis zur Langeweile, in der kein Nachtasyl und keine Obdachlosen vorkommen. Kisch hat das alles erfunden, die ganze Fälschung, um sich in der Bekehrung selbst zu erhöhen.

Spätestens 1968 wurde Kischs reichlich öder Original-Text in Prag erneut veröffentlicht und damit die notorische Lügnerei des „größten aller Reporter“ offensichtlich. 1978 wurde der Text in Deutschland in einer Kisch-Reportagen-Sammlung des Reclam-Verlags veröffentlicht. 1987 nahm Michael Haller, einer der wichtigeren Journalismus-Lehrer Deutschlands, in seinem Reportagen-Handbuch unter Angabe der Reclam-Quelle darauf Bezug. Dass Kischs angebliche Mühlenfeuer-Fälschung selbst eine Fälschung ist, könnte im deutschen Journalismus jeder wissen, und es sollte jeder wissen, der Kischs Märchen noch immer weiterverbreitet und seine Leserinnen und Leser damit weiter hinter die Fichte führt. Denn sonst nährt er den Verdacht, dass es sich dabei um Methode handelt. Und dieser Verdacht ist – leider – nicht aus der Luft gegriffen.

Der Literaturprofessor Erhard Schütz (Humboldt-Uni Berlin), der Kischs gefälschte Fälschung in Deutschland einem breiteren Publikum zugänglich machte, nahm Kisch zugleich mit einer abenteuerlich anmutenden Argumentation in Schutz: „Seine Lehre, dass der Chronist nicht lügen dürfe, entspringt so einem fiktionalen Kontext, ist darum selbst aber nicht unwahr. Vielmehr hat die Geschichte eine weitergehende Wahrheit: die, dass zuzeiten der Chronismus nicht ausreicht, dass es der Fiktion bedarf, um festzuhalten, was wahr ist.“ Der frühere „Stern“-Redakteur Wolfgang Röhl schrieb vor einigen Jahren auf, wie Henri Nannen 1977 den „Egon-Erwin-Kisch-Preis“ (ab 2005: Nannen-Preis) ins Leben rief und in einem Editorial schrieb: „Mancher, der sich als ‚Reporter‘ geriert, ist doch nur ein simpler Aufschreiber ohne Phantasie.“ Sind das die Maßstäbe, die im deutschen Spitzen-Journalismus gelten? Fiktion zur Wahrheitserzeugung? Fantasie statt aufschreiben?

Hallers Reportagen-Lehrbuch, das Kischs Fälschungs-Fälschung immerhin erwähnt, enthält einen Übungstext über Zocker auf der Trabrennbahn, in dem ein sympathischer Ganove namens „Eddy“ die Hauptrolle spielt – den es aber gar nicht gibt. „Um nun das Geschehen nicht kompliziert und den roten Faden unübersichtlich werden zu lassen, verschmolz der Autor beim Schreiben der Reportage zwei Zocker-Gestalten zu dem einen Eddy, wie er auch wieder am Ende der Reportage auftaucht – eine nicht nur zulässige, sondern richtige Montage, weil durch sie die Schilderungen aufs Wesentliche vereinfacht, aber die Realitäten nicht entstellt werden“, findet Haller. Um es klar zu sagen: Nach den Maßstäben unserer Zeitung ist das weder zulässig noch richtig, sondern eine grobe Fälschung, die wir niemals dulden werden.

Das „Reporter-Forum“, laut seiner Selbstbeschreibung „eine Bürgerinitiative für guten Journalismus“, hat Claas Relotius in den vergangenen Jahren vier Reporterpreise für seine Fälschungen verliehen. Einer der Gründer und Leiter des Forums ist der frühere Spiegel-Journalist Cordt Schnibben. Der Verein wurde jahrelang von der Rudolf-Augstein-Stiftung mitfinanziert, der Spiegel-Verlag ermöglicht laut Verein jährlich einen „Reporter-Workshop“.

Der Wikipedia-Eintrag „Reportage“ enthält einen Link zu einem Vereins-Papier von Schnibben mit dem Titel „35 Fragen an (m)einen Text“. Die knapp zwei DIN-A4-Seiten stellen so etwas wie eine Checkliste dessen dar, was die „Bürgerinitiative für guten Journalismus“ offenbar unter preiswürdigen Reportagen versteht. Das Papier enthält Fragen wie „Wird der Held der Reportage als erste Figur vorgestellt?“, „Ist der Schluss überraschend genug?“ und „Sind die Zitate originell und glaubhaft?“.

Das Wort „Fakten“ kommt in diesem Text nicht vor

„Beginnt der Text irgendwann zu fliegen oder schleppt er sich dem Ende entgegen wie ein Albatros, der mit den Flügeln schlägt, aber nicht in die Luft kommt?“ Eine sehr simple Frage an preiswürdige Texte stellt die „Bürgerinitiative für guten Journalismus“ nicht: „Stimmen die Fakten?“ Das Wort „Fakten“ kommt in diesem Text überhaupt nicht vor.

Claas Relotius ist nicht das Problem des deutschen Reportage-Journalismus. Er ist bloß ein Symptom: für eine völlig falsche Haltung, die in Kischs Tradition und im Dienst einer vermeintlichen „Wahrheit“ die Fakten verbiegt, verdreht und verleugnet. Für einen Journalismus, der „fliegen“ will und dabei mit voller Absicht die Bodenhaftung verliert. Für einen Journalismus, der seine simple grundgesetzlich geschützte öffentliche Aufgabe – sie lautet: in Angelegenheiten von öffentlichem Interesse Nachrichten beschaffen und verbreiten, Stellung nehmen, Kritik üben oder auf andere Weise an der Meinungsbildung mitwirken – zugunsten einer „Wahrheit“ aufgegeben hat, die süffig zu lesen sein mag. Aber nicht wahrhaftig die Wirklichkeit abbildet.

Die NZZ korrigierte sich öffentlich

In dieser Parallel-Welt hat der Helden-Reporter Juan Moreno (ebenfalls „Spiegel“) seinen Job riskiert, um den Fälscher Claas Relotius zu enttarnen. In der Wirklichkeit taten das spätestens 2014 Leserinnen und Leser der NZZ, als sie Relotius durch schlichte Faktenentgegnung nachwiesen, dass er ein angebliches Interview mit einer finnischen Friseurin über den angeblichen Trend, sich die Haare kurz schneiden und dunkel färben zu lassen, niemals geführt hatte.  Er hatte der Friseurin einen Männernamen gegeben, die Preise stimmten nicht, den Salon gab es an der angeblichen Adresse nicht. Relotius log nicht bloß. Er log derartig schlampig, dass die Geschichte nicht zu halten war. Die NZZ korrigierte sich öffentlich – dem Ruhm des Helden-Reporters tat das beim „Spiegel“ keinen Abbruch. Und auch die „Bürgerinitiative für guten Journalismus“ nahm das offensichtlich nicht zur Kenntnis, sondern verlieh Relotius weiter Preise. Es ging ja schließlich nicht um die Fakten. Sondern um „die Wahrheit“.

Wir, die Reporter und Redakteure dieser Zeitung, wissen die meiste Zeit nicht, was „die Wahrheit“ ist. Wir behaupten es deshalb auch gar nicht. Wir versuchen stattdessen mit professionellen Mitteln herauszufinden, was wirklich passiert ist. Wir gehen hin, in Wuppertal, Krefeld, Düsseldorf und den Städten an Wupper und Rhein, und schreiben auf, was ist. Wir nennen unsere Quellen und versuchen einzuordnen, was unsere Informationen bedeuten. Sie, unsere Leser, können uns dabei jederzeit überprüfen. Und das sollten Sie auch tun. Sie können uns trauen, weil Sie es nicht müssen. Fragen Sie uns, wenn Sie Zweifel haben. Widersprechen Sie, wenn Sie die Schlussfolgerungen unserer Analysen nicht teilen. Vielleicht haben Sie nämlich Recht und wir sind im Irrtum. Dann werden wir uns korrigieren. Wir sind Ihnen verpflichtet.

Unser Job ist die Beschaffung und Einordnung von Wissen über die Wirklichkeit. Oft bleiben Fragen offen, manchmal machen wir Fehler. Beurteilen Sie uns danach, wie wir mit diesen Fehlern umgehen. Aber misstrauen Sie wirklich jedem, der behauptet, die Wahrheit zu wissen, ohne dafür jemals eine einzige Frage gestellt zu haben.

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