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Düsseldorfer Schauspielhaus: „Kasimir und Karoline“

Düsseldorfer Schauspielhaus: „Kasimir und Karoline“

Nurkan Erpulat verlegt „Kasimir und Karoline“ auf die Düsseldorfer Kirmes — und geigt den Zuschauern tüchtig die Meinung.

Düsseldorf. Er hat die Schnauze voll. Kurz vor Schluss reißt Taner Sahintürk die vierte Wand im Schauspielhaus ein. Er lässt seine Rolle als saufender Schläger in Horváths „Kasimir und Karoline“ auf der Bühne und springt in den Zuschauerraum. „Wie gefällt es Ihnen bis jetzt“, fragt er aggressiv. Bitte mal Handzeichen, ganz ehrlich! Das Publikum ist brav. Ein bisschen peinlich berührt, wenn er einzelne angeht. „Wie viel verdienen Sie?“ „Wie viel hat Ihre Theaterkarte gekostet?“ Gerade noch hat ihnen dieser Mann als vor Wut überschäumender Merkl Franz die Dekadenz der Reichen vorgeführt.

Sahintürk lässt nicht locker, erzählt, wie es sich anfühlt, wenn man als Schauspieler mit seinem Namen und Aussehen vor allem Filmrollen als Ganove oder Dönerbuden-Besitzer angeboten bekommt. Sich den „A . . . aufreißt, für 3800 Euro brutto“. Irgendwann reicht es. „Das ist doch Sch . . .“, meint ein Zuschauer. „Spielt doch weiter“, ruft ein anderer. Es geht weiter. Weiter mit einer Inszenierung, in der auch der türkische Hausregisseur dem Publikum zeigt, dass er die Schnauze voll hat. Selbst wenn er sich beim wohlwollenden Schlussapplaus in einem T-Shirt mit „Home“-Aufdruck verbeugt.

Es hat ein bisschen was von „Hau den Düsseldorfer“, wie Erpulat die Geschichte des arbeitslosen Kasimir und seiner Verlobten Karoline auf die Rheinkirmes verlegt. Er spickt den Text mit lokalen Anspielungen und lässt „Warum ist es am Rhein so schön“ anstimmen. Den Vorstandsvorsitzenden (Rainer Galke), der mit ordentlich Schampus intus Gas geben will, zeichnet er ebenso klischeehaft wie den „Carpe diem“-trinkenden Schürzinger (Marian Kindermann), der für seine Karriere alles sausenlässt. Dazu dreht sich die wenig originell ausgestattete Bühne, was bald an Reiz verliert.

An diesem Abend sind Kasimir, den Till Wonka gekonnt zerrissen gibt, und die anrührend verloren spielende Mareike Beykirch als Karoline leider nur Nebenschauplatz. Wenn Erpulat als Theater im Theater eine durchaus komische „Hamlet“-Kurzversion inszeniert, und dieses „Lustspiel mit tragischem Ausgang“ von Umstehenden mit „langweilig“, „geschmacklos“ und „Warum ist die denn nackt?“ kommentieren lässt, macht er das Schauspielhaus selbst zum Thema.

Die Krise nach dem verunglückten Start mit „Hamlet“ unter dem schon nach 16 Monaten zurückgetretenen Intendanten Staffan Holm und die ausbleibende Begeisterung beim Publikum. Was für Stammgäste interessant sein mag, verliert bei anderen sicher seine Wirkung. Statt mit dem Holzhammer draufzudreschen, hätte Erpulat mit Kasimir und Karoline selbst stärker berühren können.