„Heute schon gelebt?“ – Die Broilers rocken ihre Heimatstadt Düsseldorf Eskalierende Weihnachts-Sause

DÜSSELDORF · . Wenn die Krawatte nicht mehr fest am Hals, sondern leicht verschludert schon um die Stirn liegt, dann ist es gut. Denn dann ist die Position des eigentlich ja hoch seriösen Kleidungsaccessoires untrügliches Indiz dafür, dass miteinander gelacht, gezofft, geliebt und vor allem getanzt wird.

Traut sich auch an „Last Christmas“: Sammy Amara und die Düsseldorfer Punkband Broilers.

Traut sich auch an „Last Christmas“: Sammy Amara und die Düsseldorfer Punkband Broilers.

Foto: dpa/Thomas Frey

So sagt es zumindest Sammy Amara, Frontmann der Broilers, dessen schwarze Krawatte auf weißem Hemd schon nach drei Songs dieser Weihnachtsshow eher auf halb acht denn auf straff gezogen und kleidsam liegt. Und ehe er singend eine Frage stellt, deren Antwort – Ja mit mindestens drei gedachten Ausrufezeichen – die Marschroute des Abends vorgibt: „Hast du heute schon gelebt?“

Klare Sache: Wer das heute bis 21 Uhr noch nicht getan haben sollte, der holt das jetzt zigfach nach. Der lebt seit dem Moment, in dem Düsseldorfs vielleicht ursprünglichste, weil mit der maximalen Portion Lokalkolorit daherkommende Band rausgekommen ist, um „Santa’s Action Club“ – so lautet das Motto dieses herrlichen Brimbamboriums – ans Punkrocken und -rollen zu bringen.

Sogar der Vorhang fällt in diesem Moment ein zweites Mal und macht die Bühne vollends zum weihnachtlich, mit Superkitsch (Die Tapete! Der Kamin!) und stilvollem Zeugs (Fotos von Johnny Cash und Pogues-Legende Shane MacGowan) geschmückten Wohnzimmer, in dem die Familie – 24 Stunden vorm Fest auf 7000 im Herzen miteinander Verwandte angewachsen – miteinander Krawatten-Lösen und Eskalieren spielt.

Die Mitsubishi-Electric-Halle ist jetzt wieder die gute alte Philipshalle, an der Ende der 80er, Anfang der 90er ein paar Jungspunde beinahe jeden Tag auf dem Weg in die Altstadt entlangfuhren. Sie drückten sich dann an den zerkratzten Scheiben der S6 ihre Nasen platt und schworen sich, diesen Ort heimischer Popkultur irgendwann für sich einzunehmen. Es wird miteinander erzählt von Schulen in Benrath, in deren Kellern erste Songs geschrieben wurden, und von einer Jugend im Zeichen des Aufbegehrens zwischen Ramones, Toten Hosen, Cock Sparrer, Kö, Bolkerstraße, Garath und Hellerhof, die den Weg ebnete. Bis hierher.

Bis zum nunmehr fast schon traditionellen Weihnachtsdoppelkonzert am 22. und 23. Dezember, in dessen Verlauf die ehemaligen Teenager allen, die da sind, den Rest zum Fest geben. Damit am nächsten Tag auch ja niemand auf die Idee kommt, er oder sie könne ohne Blessuren, Kater und breites Grinsen im Gesicht bei der dann unausweichlich anstehenden Feier im Kreise der wirklichen, der bürgerlichen, der Kern-Familie aufschlagen.

Die Broilers spielen – neben einem kleinen Karriere-Best-Of im imaginären Glitzergeschenkpapier natürlich – ihr Weihnachtsalbum einmal durch. Sie nehmen sogar die letzte Bastion ein und trauen sich doch tatsächlich an „Last Christmas“ heran, „whamisieren“ also die gesammelte austickende Mischpoke – wofür sie sich an anderer Stelle wiederum mit Rauch und Pyrofackeln feiern lassen. Und speziell an diesem zweiten von zwei Konzertabenden hauen sie gen Ende noch ein paar Songs mehr aus den Urschleimzeiten ihrer Existenz: „Paul der Hooligan“. Und „Der Held in unserer Mitte“.

Sammy Amara ist da schon ein wenig angeschickert von den Verpflegungsbierchen am Mikro und offenbart nun erst recht, wieviel Spaß er selbst an dieser ganzen Sause hier hat und wie diebisch seine Freude darüber ist, seine Band auf kleine Zickzack-Wege abseits der geplanten Setlist zu führen. Ach ja: Und die Krawatte? Ist längst weg. Irgendwo zertrampelt und zerknittert auf dem Boden wahrscheinlich. Egal. Familienliebe ist wichtiger als jedes Stückchen Stoff.

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