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„Distanzregeln und Pina Bausch sind unvereinbar“

INTERVIEW Bettina Wagner-Bergelt, Intendantin, zum Tanztheater : „Distanzregeln und Pina Bausch sind unvereinbar“

Auch wenn das Tanztheater Wuppertal nach wie vor nicht arbeiten kann, sind Leitung und Ensemble alles andere als untätig.

. Jetzt gehe es ihr gerade gut, sagt Bettina Wagner-Bergelt, aber am Anfang sei es schon schrecklich gewesen. Das Tanztheater Pina Bausch wurde besonders hart durch den Lockdown getroffen. Tanz bedeutet Nähe, die Stücke der Choreografin coronatauglich zu machen, sei undenkbar. Die Hände in den Schoß zu legen aber auch. Und so nutzt die Intendantin die unfreiwillige Stilllegung, um auf andere Weise weiter zu kommen. Wirklich planen will sie aber erst zur neuen Spielzeit, wenn, so hofft sie, mehr Klarheit besteht.

Frau Wagner-Bergelt, wie blicken Sie auf die Spielzeit 2019/20 zurück?

Bettina Wagner-Bergelt: Ich bin mit unserer Arbeit nach 16 Monaten sehr zufrieden, wir haben die Krisen gemeinsam gut gemanagt, wir hatten alle Spaß an den neuen Produktionen, „Wiesenland“, „Blaubart“ – die Spielzeit verlief erfolgreich bis zum Lockdown. Der Prozess der Ablösung von Pina Bausch, vielleicht auch von einem verstellten Blick auf sie, von zu großer Scheu, ist auf einem guten Weg.  Zugleich werden ihre Stücke wieder in Funktion gesetzt. Das, was das Tanztheater über Jahrzehnte zu Weltruhm geführt hat.

Es geht Ihnen dabei um einen neuen Umgang mit dem Werk und der Person Pina Bauschs.

Wagner-Bergelt: Ihre Werke müssen als Kunstwerke losgelöst von der Person wahrgenommen, selbstständig für sich auf der Bühne erlebt werden. Dabei müssen wir Authentizität erst wiederherstellen, wenn ein Stück 30 Jahre nicht mehr gespielt worden ist. Pina Bausch darf nicht nur als Ikone, als Klassikerin gesehen, sie muss ernst genommen werden als zeitgenössische Künstlerin. Es darf keine Tabus geben, Pina selbst hat sich keine auferlegen lassen. Nur so kann man Räume erobern, von denen man gar nicht wusste, dass es sie gibt.

Was bedeutet der Spielzeitabbruch?

Wagner-Bergelt: Wir haben nach toller Probenarbeit  und mit einer hochkarätigen Besetzung „Die sieben Todsünden“ aufgeführt. Das Stück hat gelebt, wir wollten damit nach Paris ins Châtelet. Nach der dritten Vorstellung dann das Aus. Das war schon eine Riesenenttäuschung, diese Verschwendung an Leidenschaft und Einsatz. Auf der Strecke geblieben ist aber auch das Encounters-Format,  sozusagen das Gegenstück zu Corona, weil es  Begegnung zum Prinzip macht.

Was haben Sie nach dem Aufführungsstopp gemacht?

Wagner-Bergelt: Wir haben die Zeit für Dinge genutzt, die zuvor untergegangen sind. Insofern hat die  Situation bei aller Entsetzlichkeit auch gute Aspekte. Ich habe Zoom-Gespräche eingeführt, damit wir uns, zumindest virtuell, weiter treffen können. Zuerst mit den Tänzern, dann auch mit den anderen Abteilungen, auch mit Salomon Bausch. Wir haben über Kunst gesprochen, über das, was unsere Arbeit ausmacht. Eine Selbstreflexion, für die sonst selten Zeit ist und die sich auf unsere Proben- und Projektarbeit für die nächste Spielzeit auswirkt. Außerdem wurden einige Tänzer zum Beispiel zu Filmprojekten eingeladen und Julie Stanzak konnte mit einem Solo an einer virtuellen Gala der Brooklyn Academy of Music zu Ehren von Cate Blanchett teilnehmen.

Und der normale Betrieb?

Wagner-Bergelt: Roger Christmann und ich mussten uns damit auseinandersetzen, dass die Tänzer nun nicht arbeiten können. Die digitalen Medien sind zwar Gold wert, aber für mich kein Ersatz für die Bühne. Ganz abgesehen vom riesigen finanziellen Verlust. Eine Zeit lang können wir das noch kompensieren. Aber dann? Wir brauchen eine Perspektive, alle Compagnien brauchen sie.

Wie können Sie sich Aufführungen dennoch denken?

Wagner-Bergelt: Wir müssen Alternativen finden, denken momentan über einen praktikablen Weg nach. Wir müssen herausfinden, was funktioniert, wenn Abstand gehalten wird, denn die Stücke von Pina Bausch unter Corona-Bedingungen umzuchoreographieren, scheidet aus. Faule Kompromisse gehe ich nicht ein. Also müssen es andere Formate sein, daran arbeiten wir, und vielleicht kann man auch das vorhandene Material zu Entcounters anders verwenden.

Was bleibt da noch?

Wagner-Bergelt: Wir können nicht über Eingriffe an Pinas Stücken sprechen, die den Distanzregeln Rechnung tragen. Aber wir können andere Wege finden, uns mit ihnen zu beschäftigen, die Balance halten zwischen der Arbeit an Neuem, der Förderung der Kreativität im Ensemble, da waren wir mit dem Underground-Format auf einem guten Weg.

Gibt es eine Art Zeitplan?

Wagner-Bergelt: Der geplante Spielplan 20/21 steht weiterhin in unseren Köpfen. Wenn es keine zweite Corona-Welle gibt, wird er wieder relevant. Jetzt denken wir erstmal bis Weihnachten, wie wir unserem Publikum wieder begegnen, dabei wissen wir im Moment nicht mal, ob wir bis dahin überhaupt auf die Bühne können. Ich hoffe, im August zum Anfang der nächsten Spielzeit klarer zu sehen und Genaueres sagen zu können.

Wird überhaupt geprobt?

Wagner-Bergelt: Ja, ein paar wenige Stunden die Woche mit neuen Besetzungen Repertoire, „Nelken“, „Agua“ etwa, über das Internet. Wir wollten zunächst eins zu eins ins Studio, aber die Hygienemaßnahmen wären zu aufwendig geworden. Also nutzen wir Zoom, alle Tänzer haben rutschfesten Tanzteppich nach Hause geliefert bekommen für ihr Training.

Gibt es personelle Neuigkeiten?

Wagner-Bergelt:  Was die neue Intendanz angeht, sind wir im Prozess der Bewerbungen, der erfordert viel Energie. Außerdem habe ich bei den Auditions zu Jahresanfang vier neue Tänzer engagiert. Zwei Positionen besetzen wir erstmal nicht.

Ruht auch das Projekt Pina Bausch-Zentrum?

Wagner-Bergelt: Nein, gar nicht, die Planungsrunden finden weiter statt. Aber unser Vorhaben, das alte Schauspielhaus in dieser Phase schon zu bespielen, ruht erst einmal. Natürlich.