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Die letzte Folge Lindenstraße: Spiegeleier à la Nationale

35 Jahre TV-Kult gehen zu Ende : Die letzte Folge Lindenstraße: Spiegeleier à la Nationale

Sonntag, 18.50 Uhr, lief die letzte Folge. Die „Lindenstraße“ war die Versöhnung von Unterhaltung und Aufklärung – und Mutter Beimers Küche ein Ort dafür.

Wieso sich Netflix, Amazon oder sonst ein Streaming-Dienst die „Lindenstraße“ noch nicht unter den Nagel gerissen hat, ist unklar. Vielleicht, weil man die traditionsreichste Serie der Deutschen nach 35 Jahren auserzählt glaubt, aber das kann man ja keinem der Hardcore-Fans erzählen und der Produzentenfamilie Geißendörfer mit Hans W. und Tochter Hana plus all den Drehbuschschreibern auch nicht. Die würden müde lächeln, das Papier rausholen und einfach weiter schreiben, Tag für Tag aus dem Leben, wie es deutscher und bisweilen auch absurder nicht sein könnte. Mit Festnetz-Telefon auf dem Wohnungsflur, Tischdecke auf dem korrekt gemaßten Buche-Tisch und Spiegeleier in der Bratpfanne in der Küche von Helga Beimer. Sie brät die, wenn sie nervös ist. Und das ist sie oft.

Foto: dpa/Uwe Anspach

Vielleicht dann mit dem ersten Corona-Toten in der Straße, ja, das wäre wahrscheinlich, aber Covid-19 hat, wenn den Geißendörfers nicht zum Serienabschluss noch ein echter Coup mit kleinem Nachdreh gelingen sollte, die Serie dann doch nur noch durch eine der berühmten frei gehaltenen Kurzfrist-Slots per Radiostimme in der Beimer-Küche erreicht. Ein liebgewonnener Trick: So schafften es schon Ergebnisse von Bundestagswahlen tagesaktuell in die Serie.

Die letzte Klappe fiel schon im Dezember 2019, am Sonntag läuft die letzte Folge in der ARD, nach 35 Jahren und 1758 Folgen. Das Ende ist geheim: Vom Sirtaki auf der Straße vor dem Restaurant Akropolis bis zur Spiegelei-Schlacht bei den verbliebenen Beimers ist alles drin, aber sicher ist, dass es wieder einen Cliffhanger gibt, wie immer, nur dann eben ohne Wiederaufnahme. Oder: Film oder Fortsetzung nicht ausgeschlossen? Geissendörfer will nicht mehr, sagt er.

Bis zu 15 Millionen sahen die Lindenstraße

Die Lindenstraße: Kleinstadt-Mief in der Großstadt München, gedreht in Köln-Bocklemünd, eine einzige Häuserreihung als verdichtetes Sozialexperiment: Wie viele Geschichten lassen sich auf engem Raum über wie viele Jahre erzählen, ohne dass die Zuschauer gehen? Es gibt Antworten: Zwölf bis zu 15 Millionen sahen anfangs zu am Sonntagabend gegen 18.40 bis 19.10 Uhr, Start am 8. Dezember 1985, als sich Familie Beimer zur Hausmusik ins schmale Wohnzimmer drängte. Die Serie wurde zum Pulsmesser der Nation, weil woanders nicht gemessen wurde – und hier alles dabei war. So blickte man – wild durcheinander erinnert – gespannt auf den ersten Schwulen-Kuss im TV in 1990 (der Bayerische Rundfunk setzte die Wiederholung aus), einen Bratpfannenmörder, Drogenabhängige, Kinderprostitution, Veganer-Lust, alle Phasen der Umweltbewegung, Kriegstraumata, Islamismus, Alzheimer, Scientology, Sterbehilfe, Mobbing, Entmannung, also eine kleine Welt, in der man ob des großen Dramas eher nicht leben wollte – und mehr. Plus Neonazis.

Bei Letzterem musste sogar Klausi Beimer herhalten, jeder ist mal dran, da hat es dann viele Spiegeleier bei Helga gegeben, aber auch das hat Klausi überstanden: Schauspieler Moritz A. Sachs, mal klein und süß, dann dick und Nazi, später wieder schlank und haarlos, lebt – Bruder Benny (Unfall) und Vater Hans (Parkinson) sind lange tot, und um ein Haar wäre auch noch Helga gegangen (Rauchvergiftung), aber dann wurde sie doch noch wiederbelebt. Und weil nach 35 Jahren auch den Produzenten Wehmut befällt, begegneten ihr siechend die Serien-Toten. Was für ein Fest für die Gemeinde, die alles sieht und nichts auslässt: Zuletzt waren das nur noch zwei Millionen. „Das Zuschauerinteresse und unsere unvermeidbaren Sparzwänge“ seien „nicht vereinbar mit den Produktionskosten für eine solch hochwertige Serie“, teilte die ARD über Programmdirektor Volker Herres mit, und danach begegneten ihr wahlweise Gleichgültigkeit oder tiefe Verzweiflung. Letzteres kann man nicht ernst oder zur Kenntnis nehmen.

„Beate, mein Sohn ist Grieche!“

Geblieben von der ersten Stunde sind Mutter Beimer und Sohn Klausi, Doktor Dressler – wobei: der suizidierte vor wenigen Wochen. Und Gabi Zenker alias Andrea Spatzek, deren Mann 1988 Aids erlag, als die Krankheit noch eine Sensation schien. Lindenstraße hieß immer auch, Erster zu sein. Und, natürlich: Vasily Sarikakis (Hermes Hodolides), der Akropolis-Chef, den auf ewig die Worte seines urgriechischen Vaters an die deutsche Frau begleiten, weil die so deutsche Serie immer ein Auge auch auf den Kampf der Kulturen hatte: „Beate, mein Sohn ist Grieche!“

Foto: Grafik/klxm.de

Geißendörfer wollte als Altlinker die Versöhnung von Unterhaltung und Aufklärung erfinden, nach dem Vorbild der britischen Serie „Coronation Street“, die seit 1960 und noch bis heute läuft. Das schmerzt. Dass das deutsche Experiment jetzt zu Ende geht, kann er nicht gut finden: „Ich habe nach wie vor totales Unverständnis für die Entscheidung, die mir willkürlich erscheint.“ Es sei ihm, zürnte der 78-Jährige, eine Beleidigung, dass ein Großteil seines Sendeplatzes an die Sportschau gehe. Sport! Geissendörfer hatte missionarischer wirken wollen. Dieser sein Grundgedanke hat die Straße, die nach der real existierenden Lindenstraße im oberschwäbischen Ummendorf benannt ist – nie verlassen.