Die Kölner Fotoszene bittet zum Festival

Köln : Die Kölner Fotoszene bittet zum Festival

Mit einem tollen Programm, an dem sich 70 Museen, Galerien, Kunstorte und Archive beteiligen, präsentiert sich ab Freitag die Domstadt als internationales Zentrum der Fotografie. Das Festival dauert bis 12. Mai.

Die Domstadt ist eine so reiche Kulturstadt, dass man als Düsseldorfer, Krefelder oder Wuppertaler vor Neid erblasst. Köln hatte immer wieder kluge Politiker und Museumsleute, die eine sehr gezielte Ankaufspolitik betrieben. Vor allem das Sammeln von Fotografie glich über Jahrzehnte hinweg einem Schaulauf. So wechselte Afga Fotorama von Leverkusen nach Köln. Es kamen die Lebeck-Sammlung mit Sisis Alben und denen der Stars von Oper und Theater, August Sander mitsamt seinem Archiv, Hugo Erfurt, Walter Hege, die sowjetische Fotografie, die legendäre Sammlung Gruber mit dem Man Ray-Bestand, der den Einsturz des historischen Museums überlebte, und praktisch die gesamte Dokumentarfotografie der Becher-Schule in die Häuser. Unter dem Motto „Künstler treffen Archive“ laden 70 Museen, Institutionen, Galerien und Kunsträume zum Parcours rund um die Fotografie. Auftakt ist am Freitag – und eine ganze Stadt feiert mit.

Design-Vorlagen werden wie ein übergroßes Kartenhaus gestapelt

Da ist etwa das Museum für Angewandte Künste, ein paar Schritte vom Dom entfernt. Es hortet seit seiner Gründung im Jahr 1888 eine Sammlung mit rund 25 000 Design-Vorlagen, die sich um historische Gebäude, Stadtansichten, Landschaften, Innenräume, botanische Motive und Darstellungen unter dem Motto „Guter Geschmack“ drehen. Leider ist seitdem der Geschmack ein anderer geworden, der Historismus ist passé. Die Boxen wurden nie geöffnet, so dass die Schätze zu keiner Zeit das Licht der Welt erblickten.

Bis Erik Kessels kam. Der niederländische Werbefachmann ist bekannt für eine pointierte Auseinandersetzung mit Foto- und Videomaterial. Er pickte sich Blümchen, Ornamente, Kronleuchter und Kühe heraus, vergrößerte sie und schichtet sie zu Kartenhäuschen. Damit die überdimensionierten Spielkarten nicht wie das historische Archiv in Köln zusammenfallen, hat er sie verschraubt. Wer will, kann nun durch seine temporäre „Ausgrabungsstätte“ wandern und über die Stile von anno dazumal nachdenken. Eine Klanginstallation des britischen Künstlers Robin Rimbaud alias SCANNER übersetzt das Archiv in Klang.

Im Rheinischen Bildarchiv zählen Aufnahmen nach Millionen

Das Rheinische Bildarchiv ist ein Moloch mit rund 5,4 Millionen Aufnahmen, darunter die kostbaren und empfindlichen Glasnegative. Das Rautenstrauch-Joest-Museum ist eine Schatztruhe für Abbildungen rund um die koloniale Vergangenheit in den verschiedensten Regionen der Welt. Und die Kulturstiftung der Sparkasse Köln-Bonn hortet all das, was die Becher-Schule in Düsseldorf hervorgebracht hat. Sie betreut auch den Nachlass. Wenn demnächst eine Schau zu Bernd und Hilla Becher im  Düsseldorfer Kunstpalast an den Start geht, so ist es die Kölner Stiftung, die die Hand über der Ausstellung hält.

Fiona Tan sitzt bei Kommentaren der Schalk im Nacken

Aber es geht in diesen Projektwochen nicht einfach um Foto-Archive in Köln, das wäre ätzend, so nützlich die Fundgruben auch sind. Dennoch holt das Museum Ludwig alte Folianten, Alben, Diakästen, Fotoschachteln und Schätze in Holzkisten aus seinen Depots hervor. „Von Caracas bis Feuerland“ nennt sich ein Metallkasten mit Dias. Bevor der Besucher jedoch über die Mühsal der Archivare und Historiker nachdenkt, ist Fiona Tan zur Stelle, eine Künstlerin und Filmemacherin aus Indonesien, die in Amsterdam lebt. Sie macht die beste Figur, wenn es um die Kommentare, die Neuordnungen, die witzigen Interpretationen der alten Schwarzweiß- und Farbfotografie geht.

Die Werbeaufnahmen von Agfa strahlen nur gute Laune aus

Sie nimmt sich die Werbeaufnahmen von Agfa mit Farbnegativen und Fotos an die Brust. Tagelang hat sie Kisten und Kartons durchforscht. Nun kommentiert sie sie, als sitze ihr der Schalk im Nacken. „Astrein“ und „makellos“ erscheinen ihr die idealisierten Models, die ausnahmslos jung, schlank und hübsch sind, und die immer fröhlich und vergnügt dem Betrachter entgegen blicken,  der das Fotomaterial kaufen soll. Mädchen stehen im Schnee oder knien im Sand. Von den blutigen Kämpfen um die Unabhängigkeit in den Kolonien, von den elf Millionen Vertriebenen und den fünf Millionen Kriegerwitwen zeigen diese Fotos nichts. Die Models vergnügen sich, als sei nichts gewesen. „Diese Bilder strahlen nichts als gute Laune aus“, sagt die Künstlerin und zuckt die Achseln.  Um anschließend Man Rays „Gräfin Casati“ von 1922 an die Wand zu hängen, die Schöne mit dem verrutschten Gesicht und den Doppelaugen.

In der Stiftung der Sparkasse fühlt sich Roselyne Titaud heimisch

In der Photographischen Sammlung der Sparkasse KölnBonn ist Roselyne Titaud ganz beglückt. Sie fühlt sich bestätigt, ja geradezu eng verwandt mit dem dortigen Archiv. Sie bezeichnet sogar Bernd und Hilla Becher als ihre Eltern, Eugène Atget und August Sander als ihre Großväter, Stephen Shore und Boris Becker als ihre Cousins. „Wie konnte ich dem Wunsch widerstehen, meine Arbeiten nahe bei denjenigen zu sehen, die ich bewundere und die mich inspiriert haben“, sagt sie. Private Arrangements, dekorative Inneneinrichtungen, finden ihre Aufmerksamkeit.

Organisator der Veranstaltungen ist die Internationale Photoszene Köln, neuerdings kein Verein mehr, sondern eine gemeinnützige Unternehmer-Gesellschaft unter Geschäftsführerin Heide Häusler, die seit 2014 mit einem neuen Team arbeitet. Ihr steht ein Budget von 240.000 Euro für das zehntägige Festveranstaltung zur Verfügung.

Die Museen zahlen ihre Ausstellungen selber, die denn auch über mehrere Wochen laufen. Drittmittel kamen über die Stadt Köln, das Kulturministerium, den Landschaftsverband und die Photokina als Hauptgeldgeber in die Kasse. Es wird sogar eine Fotoszene für Kids & Junge Leute angeboten. In allen Häusern gibt es Kataloge, den Festivalführer und Straßenkarten. Fiona Tan hat das Wort Agfa gespiegelt und daraus Gaaf gemacht. So nennt sie ihre Ausstellung und einen Katalog als Spaziergang durch die Werbung in der jungen Bundesrepublik (18 Euro).

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