1. Kultur

Die große Corona-Gefahr: Was wir alles verlieren können

Momentaufnahme : Die große Corona-Gefahr: Was wir alles verlieren können

Corona zeigt der Welt gerade, wie sie sich im Runterfahren gemütlich einrichten kann. Das ist eine Gefahr für unsere Gesellschaft.

Die Schwebebahn steht still. Von Montag bis Freitag rattert nichts am Stahlgerüst durch Wuppertal. Seit Wochen ist das so, seit Monaten ist die Zukunft der Bahn ungewiss, seit Jahren wird am immer noch sichersten Verkehrsmittel der Welt herumgedoktert, ohne Erfolg. Die Schwebebahn steht still. Fast gespenstisch schweigt das Stahlgerüst die Menschen an. Nichts quietscht, nichts knarzt, nicht rauscht kaum zehn Meter über die Köpfe der Passanten hinweg. Und nichts geschieht. Kein Aufschrei des Protestes, kein lautstarkes Fordern nach einem Ende der Pannenserie, kein Verlangen nach Konsequenzen. Es ist, als hätten die Wuppertaler sich damit abgefunden, dass ihre gute alte Schwebebahn nicht mehr da ist, nur noch sporadisch am Horizont auftaucht, dann wieder für Tage verschwindet auf der Suche nach Konstruktionsfehlern in den neuen Wagen, am neuen Gerüst.

Die Stadt droht ihre Seele zu verlieren

Der Mensch scheint sich mit allem arrangieren zu können, auch damit, dass seine Stadt ihre Seele zu verlieren droht. Ob Paris schwiege, wenn die Stadtverwaltung den Eiffelturm abbauen ließe? Im ersten und zweiten Anlauf vielleicht nicht, aber wenn das Damoklesschwert nur lang genug über den Köpfen schwebt, gewöhnt sich womöglich jeder irgendwie an die Gefahr. Dann sind Ursache und potenzielle Wirkung vielleicht egal. Solange es einen selbst nicht direkt betrifft.

Dortmund ist auch so eine Stadt wie Wuppertal. Weithin unterschätzt, voll von Besonderheiten und Sonderlichkeiten. Die Vergangenheit klebt wie Kaugummi an den Schuhen der Menschen, aber mit ihren Köpfen sind die Leute des Ruhrgebiets in der Zukunft, und mit dem Herzen sind sie beim BVB. Mehr als 80 000 Zuschauer passen in den Signal-Iduna-Park, der einst viel schöner Westfalenstadion hieß. Doch wenn die Haalands, Sanchos und Hazards heute ihre gelben Trikots überstreifen und auf den Rasen laufen, dann sind sie mit neun Mannschaftskameraden, elf Gegenspielern und drei Schiedsrichtern fast ganz allein in der Arena. Die Fans müssen draußen bleiben. Corona. Am Anfang der Aufschrei, aber der Mensch gewöhnt sich anscheinend einfach an alles, selbst an das unromantische Gebrüll der Spieler auf dem Rasen, das in vollen Stadien glücklicherweise nicht zu hören ist.

Die Bühnen sind leer

Anders als der Profifußball hat die Kultur vollständig Pause. Konzerte, Theater, Kabarett und was auch immer sind abgesagt. Die Bühnen sind leer, die Stuhlreihen davor auch. Seit Monaten schon war der Besuch von Oper und Schauspiel nicht mehr das, was er früher einmal gewesen ist. Kein Bad in der Menge, keine unbeschwerte Plauderei in der Pause zwischen Akt zwei und drei. Nun geht gar nichts mehr. Vorbei. Die Menschen nehmen es hin. Allein die Veranstalter begehren auf, sie sehen, Böses ahnend, ihre Felle schwimmen, haben sich als „Alarmstufe rot“ im Netz organisiert und rufen den Staat um Hilfe an. Wie die Gastronomie, wie die Reisebranche, wie die Hotellerie, wie alle, die von Ereignissen leben, die es nur mit vielen Teilnehmern geben kann. Wenn viele Fußball- und Kulturfans sich an den Zustand anfreunden, werden Ränge vielleicht nie mehr so voll, wie sie es vor der Pandemie noch gewesen sind. Die Möglichkeit besteht. Schließlich gibt es Alternativen.

Denn die Welt verändert sich, weil die Menschen sich verändern. Einst Unersetzliches verschwindet, weil es irgendwann nicht mehr genügend nachgefragt wird. Spaßbäder zum Beispiel waren in den 1970-er und 1980-er Jahren das Maß aller Dinge. Heute überleben nur wenige und das auch nur unter Ächzen und Zähneknirschen. Kirmes war in vielen Städten über Jahrzehnte Festtage im Jahreskalender. Die Leidenschaft ist weitgehend erkaltet.

Der Homo Sapiens zieht sich anscheinend mehr und mehr aus dem gesellschaftlichen Alltagsleben zurück. US-amerikanische Soziologen haben vor Jahren bereits den Trend zum sogenannte Cocooning festgestellt. Der Mensch neigt verstärkt dazu, sich zu Hause gemütlich einzurichten. My home is my castle – meine Wohnung ist meine Burg. Was vor deren Mauern geschieht, verliert an Bedeutung. Corona hat den Trend nicht ausgelöst, vermutlich aber beschleunigt und verstärkt.

Desinteresse macht sich breit

Sehr, sehr vieles spricht dafür, dass die Einschränkungen im Kampf gegen das Virus überwiegend berechtigt und richtig sind. Und wahrscheinlich ist die überwiegende Mehrheit der Menschen mit den Behörden der Meinung, dass es zum aktuellen Verzicht auf Massenveranstaltungen derzeit keine Alternative gibt. Aber das Beispiel Schwebebahn legt nahe, dass sich neben dieser Einsicht noch etwas anderes breitgemacht haben muss in der Gesellschaft. Schläfrige Langmut, geduldiges Ertragen, Desinteresse. Was geht auch den Einzelnen noch das Allgemeine an?

Dabei gäbe es durchaus einiges zu besprechen. Wo zum Beispiel ist die deutsche Ingenieurskunst geblieben? Am Berliner Flughafen anscheinend nicht. Wie kann es sein, dass Deutschland 14 Jahre braucht, um einen einzigen Airport zu bauen, der dann auch noch viermal so teuer ist wie geplant?  Alles dauert länger, alles wird teurer, vieles vergammelt, Kommunen haben kein Geld, Innenstädte sterben, Schulen sind schlecht ausgestattet, es fehlt an Krankenpflegern, Lehrern, Sozialarbeitern. Im internationalen Wettbewerb um Innovation und Digitalisierung wird Deutschland abgehängt, und den Bundesbürgern scheint das alles egal zu sein. Die Politik redet viel, ändert aber noch zu wenig. Der Rest ist Schweigen.

Das heißt nicht, dass die Gesellschaft grundsätzlich ihre Kampagnenfähigkeit verloren hätte. Aber die Fragen sind andere, sie sind konkret, fallbezogen, themenorientiert, berühren eine klar umrissene Gruppe von Menschen. Die ist mal größer, meistens aber sehr überschaubar. Der längst überfällige Aufschrei von Frauen gegen die alltägliche Misshandlung durch Männer in Machtpositionen, der notwendige Kampf der Jugend für das Weltklima – Emotion macht mobil. Persönliche Betroffenheit ist das Benzin, das den Motor des Widerstands antreibt. Und die Tankstellen heißen Instagram, Whatsapp, Facebook. Der Spritverbrauch ist hoch, der Tank ist klein, also legt sich alle Aufregung oft auch schnell wieder.

Wo anders entsteht sie erst gar nicht oder nicht mehr. Schwebebahn? Es geht zur Not auch ohne. Fußball schauen im Stadion? Sky und DAZN übertragen doch ins Wohnzimmer. Kino? Gibt’s auch von Netflix und Amazon prime, jederzeit abrufbar vom Sofa aus. Konzert? Gern – per Stream auf Spotify.

Zu Hause als Gesellschaftsentwurf

Zu Hause. Die eigenen vier Wände sind der neue Gesellschaftsentwurf. Wenn es nicht ums eigene Eingemachte geht, ist die Welt für viele in Ordnung wie sie ist. Individualismus hat Gesellschaft abgelöst. Das hat einen Grund. Der Wiederaufbau nach dem Krieg ist mit vereinten Kräften und bemerkenswertem Erfolg erledigt, aus zwei Deutschlands ist friedlich in einer gesellschaftlichen Kraftanstrengung wieder eines geworden. Es ist viel mehr Wohlstand als Armut in den Häusern der Republik – und scheinbar nichts mehr, was gemeinsame Kraftanstrengung notwendig machte. Die Schnittmenge der Gesellschaft ist eine leere. Das gemeinsame Ziel fehlt. Was soll dieses Deutschland sein? Welche Rolle soll es spielen in Europa, in der Welt? Kirchen und Parteien geben keine Antworten. Warum? Weil sie keine neuen Ideen entwickeln, keine Perspektiven eröffnen, weil sie mehr mit sich selbst kämpfen als gegen das Phänomen, überflüssig zu werden. Das Ich ist auf der Siegerstraße. Das Leben ist digital geworden, es passt ins Smartphone, und wenn der Akku leer ist, hat die Welt Pause. Gemütlich mag das sein, gut ist es nicht. Individualismus ist Teil des Selbstverständnisses von demokratischen Gesellschaften. Aber Gesellschaften leben auch von Begegnung, vom Miteinander. Zuviel Individualismus macht sie mürbe.

Außerdem wäre es schön, wenn die Schwebebahn wieder führe.