Ausstellung: Der Architekt der Avantgarde

Ausstellung : Der Architekt der Avantgarde

Paul Schneider-Esleben wäre am Sonntag 100 Jahre alt geworden. Vier Ausstellungen feiern das Werk von „PSE“, wie er sich nannte.

Düsseldorf. Der Architekt Paul Schneider von Esleben, genannt Schneider-Esleben (1915-2005), war zur rechten Zeit am richtigen Ort. Er lebte in Düsseldorf, zog mit den Zero-Künstlern durch die Altstadt und schwärmte wie sie von Licht und Immaterialität. Er lebte am Schreibtisch des Ruhrgebiets, wo sich der Großindustrielle Franz Haniel von ihm 1953 das erste Meisterwerk der Avantgarde bauen ließ: Eine leichtgewichtige Garage mit einer gläsernen Vorhangfassade und einer schwebenden, lediglich aufgehängten Zufahrtsrampe, während alle Kräfte und Lasten in der inneren Konstruktion abgeleitet waren. Am Sonntag wäre PSE, so sein Kürzel, hundert Jahre alt geworden.

Foto: Thomas Mayer

Das mobile Museum für Architektur und Ingenieurkunst NRW (M:AI) aus Gelsenkirchen eröffnet punktgenau zum Geburtstag Ausstellungen im Mannesmann-Hochhaus, in dem heute das Wirtschaftsministerium logiert, und im Haus der Architekten. Abends geht es in die Rochus-Kirche. Und Wuppertal folgt am 21. Januar mit einer Schau in der dortigen Stadtsparkasse.

Foto: Thomas Mayer

Das Mannesmann-Hochhaus ist ein Erkennungszeichen am Düsseldorfer Rheinufer. Schlank, hoch und feingliedrig ragt es in den Himmel. Es ist der erste Stahlskelettbau mit Vorhangfassade in Deutschland. Der erste Image-Bau einer Firma, mit den gerade erst patentierten nahtlosen Stahlrohren als Rohrstützen. Seine eiförmige Kuppel aus drei paraboloid geformten Betonschalen in der Rochus-Kirche ergibt einen so schönen Zentralbau, dass sich dort das erste christlich-muslimische Paar trauen ließ.

Auch in Wuppertal ist der Turm von 1973 eine Landmarke zwischen der B 7 und der Wupper. Weil der Hausherr möglichst stützenfreie Räume haben wollte, entschied sich PSE für eine Hängekonstruktion und baute an den Ringbalken der obersten Etage von oben nach unten.

PSE hatte das Glück, in der Aufbruchstimmung nach dem Krieg zu leben. Damals galten Architekten noch als Gestalter und nicht als Handlanger der Investoren. Er baute keine Massenware, aber auch keine selbstgefälligen Starbauten. Jeder Bau war ein Gesamtkunstwerk mitsamt Innenausstattung, Mobiliar und Weltkunst von Zero, Kricke, Beuys und Adolf Luther.

Es war die Zeit, wo noch der Handschlag galt. Den Auftrag für Mannesmann errang er zwar in einem Wettbewerb, aber schon der Entwurf für den neuen „Staatsflughafen“ Köln-Bonn war ein Direktauftrag.

PSE war eitel, aber auch energisch. Akkurat bis ins Detail einer Paneele. Ein Schöpfer, kein Mitläufer. Ein Beobachter des Lebens, wenn er zum Autohaus das Drive-In-Restaurant und zum Flughafen den Drive-In-Parkplatz mit erdachte. Seine Rolandschule fiel mit dem pädagogischen Reformprojekt und dem Erwachen von Zero zusammen. Derlei Gedanken waren so neu, dass man dem Joseph Beuys seine „Holzpuppe“ zurückgab, weil sie die Schüler verletzen könnte. Die Werke von Piene, Mack und Uecker wurden eingehaust und mussten überhaupt erst wiederentdeckt werden.

PSE schaute über den Tellerrand. So reiste er mit seinem Freund Egon Eiermann in die USA, um sich für sein Mannesmann-Hochhaus Anregung beim Flugzeughersteller Lockheed zu holen. Er erfand nicht die Betonarchitektur, aber er entwickelte auch in diesem Stil geniale Entwürfe wie das abgetreppte Arag-Hochhaus, das leider abgerissen und durch einen modischen Neubau von Norman Foster ersetzt wurde.

Sich selbst errichtete er ein eigenwilliges Erdhaus bei Saint-Tropez. Seit 1965 arbeitete er in seinem Wohn- und Bürohaus an der Tersteegenstraße. Impulsiv, neugierig und erpicht auf sein Urheberrecht, was etwa zum Streit mit dem Erzbistum Köln führte.

Seine Kinder sind ebenfalls berühmt. Florian Schneider (68) ist Mitbegründer der Kultband Kraftwerk, Sophia Schneider-Esleben ist eine bekannte Mode-Designerin.

Mehr von Westdeutsche Zeitung