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Das neue Ballet am Rhein stellt sich vor: Erster Flirt mit dem Publikum

Das neue Ballet am Rhein stellt sich vor : Erster Flirt mit dem Publikum

Das Ballett am Rhein ist nach einem halben Jahr zurück aus der coronabedingten Zwangspause – und nichts ist mehr wie es war.

Der neue Ballettdirektor und Chefchoreograf Demis Volpi präsentierte am Wochenende die neu formierte Compagnie bei einem „First Date“. Nur ein Drittel der Tänzer aus der Martin-Schläpfer-Ära ist geblieben. Die Neuzugänge aus 20 Nationen stammen zu einem guten Teil aus Spanien oder Südamerika – Volpi selbst kommt aus Argentinien.

Lateinamerikanisch mutet auch das galaartige Kennenlern-Format an. Das Programm ist unterteilt in drei Episoden, verteilt auf drei aufeinanderfolgende Abende, mit kleinen Ausschnitten aus Arbeiten des neuen Chefs oder Mini-Werken anderer Choreografen. Mehr lässt die Pandemie nicht zu, wenn sich auf der Bühne nur Tänzer nahe kommen dürfen, die auch privat miteinander leben.

Gleich das erste Werk irritiert: Das angekündigte Solo „Chaconne“ des Modern Dance-Pioniers José Limón von 1942, ein Stück Tanzgeschichte des 20. Jahrhunderts, entpuppt sich als Quintett. Offensichtlich eine Variation des Meisters, die Kathryn Alter von der José Limón Dance Foundation einstudiert hat. Zu der musikalischen Matrix der Chaconne aus Johann Sebastian Bachs Partita No. 2 für Solovioline, live gespielt von Egor Grechishnikov, zeigen die Fünf ein spanisch anmutendes Zeremoniell, nobel und getragen, mit stilisierten Posen, Attitüden und Drehungen, die immer lebhafter werden und schließlich wieder zur Ruhe finden. Der mexikanische Choreograf hatte das Solo für sich selbst kreiert und war im schwarzen Anzug aufgetreten. In Düsseldorf/Duisburg tragen die drei Tänzerinnen und die beiden Tänzer raffinierte Kostüme aus schwarzen Hosen mit Oberteilen aus feinem Netz und Spitze von Katharina Schlipf. Eine schöne Miniatur, an der Synchronizität der Gruppe wäre noch etwas zu tun.

Zu dieser Gruppe gesellt sich der herausragende Neuzugang Tommaso Calcia für einen Ausschnitt aus Demis Volpis „Private Light“ (2011). Nachdem die anderen sich erst neugierig auf ihn zu bewegt haben, um dann im Halbdunkel wie Publikum oder wie eine verblasste Erinnerung zu verharren, dreht Calcia auf. Der geschmeidige Tänzer begeistert zu dem spannungsvollen Flamenco-Stück „Astoria“ aus der Suite Española des spanischen Komponisten Isaac Albéniz mit einem virtuosen, klassischen Solo. Bravi erhielt auch der Gitarrist Peter Graneis. Arg konventionell dagegen, enttäuschte der zweite Ausschnitt aus diesem Werk, das für das American Ballet Theatre entstanden ist. Lara Delfino und Nelson López Garlo tanzen zwar virtuos einen klassischen Pas de deux. Doch Elemente wie ein spontaner Kuss oder das rückwärts Sich-Fallenlassen, um gerade noch rechtzeitig vom Partner aufgefangen zu werden, hat man schon zu oft gesehen.

Höhepunkt ist das Solo „Allure“. Simone Messmer interpretiert die Petitesse zu Nina Simones „Good Bait“ mit augenzwinkernder Erotik. Den Rücken zum Publikum – eine Position, die Volpi gerne verwendet,  – lässt sie den Oberkörper immer wieder zum Boden sinken. Sie wippt im Rhythmus der Musik mit dem Fuß und beginnt zu tanzen. Wie ein aufgeregter Vogel flattert die Tänzerin unruhig hin und her, kokettiert mit dem Körper und mit Blicken, betört mit technischer Versiertheit. Ein tolles Solo, voller Laszivität und Coolness.

Demis Volpis erste Uraufführung für das Ballett am Rhein mit dem Titel „de la Mancha“ wird Freunde der spanischen Literatur gleich zu Don Quichotte führen. In der Tat, das Terzett tanzt eine Persiflage zu Minkus’ Grand Pas de deux aus dem berühmten Ballett von Marius Petipa. Dabei charakterisiert Volpi vor blutrotem Hintergrund den quirligen Miquel Martínez Pedro, den filigranen Dukin Seo und den vitalen Spaßvogel Kauan Soares. Die Sequenz ist angelegt als klassisches Divertissement. Die Drei zelebrieren akademische Bravour und pflegen eitles Gehabe zu Applaussalven vom Band. Ein etwas alberner Humor, den man wohl besser verstehen kann, wenn man das Original kennt.

In der Pause (zwecks Desinfizierung) – wegen der Pandemie-Auflagen darf das Publikum den Saal nicht verlassen – stellt die amerikanische Künstlerin Daisy Long in einem 15-minütigen Film die Tänzerinnen und Tänzer, aber auch den neuen Ballettchef vor. In Statements über deren Empfinden bei  dem Gedanken an ein First Date oder über die Bedeutung des Tanzes für jeden persönlich porträtiert sie am Rande des Probenbetriebs in ausgeruhten Bildern, Nahaufnahmen und slow motion, einzelne Ensemblemitglieder. Demis Volpi betonte, wie schon eingangs Generalintendant Christoph Meyer und Kulturdezernent Hans-Georg Lohe, wie wichtig es sei, dass die Tanzkunst endlich wieder auf die Bühne zurückgefunden habe.

„A First Date“ ist ein auf optische Reize zielender Flirt mit dem Publikum. Verliebt ist man nicht, aber die Neugier auf ein Wiedersehen ist geweckt. Warmer Willkommensapplaus.

(Bettina Trouwborst)