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Netflix-Streaming: Black Mirror - Spieglein, Spieglein in der Hand

Couch-Kino : Black Mirror: Spieglein, Spieglein in der Hand

Virtuelle Realität, Implantate, künstliche Intelligenz: Die Netflix-Serie rückt das Science Fiction-Genre unbequem nah an die technische Realität von heute heran. Diese Horror-Visionen der Digitalisierung lassen den Zuschauer nicht mehr los.

Was hätten wohl Menschen vor 30 Jahren gesagt, wenn ihnen ein Geschichtenerzähler von der kommenden Digitalisierung berichtet hätte? Von der Wundermaschine Smartphone. Von der kompletten Vernetzung unserer Welt. Spätestens bei den selbstfahrenden Autos und intelligenten Kühlschränken wäre sicherlich die erstaunte Nachfrage gekommen: Das alles passiert in den nächsten 30 Jahren?

Wer die Digitalisierung jetzt schon beängstigend findet, der mag sich davor fürchten, was denn dieser sich selbst beschleunigende Prozess noch so alles für das Leben der Menschen bereit hält. Wie leben wir in den kommenden 30 Jahren? Charlie Brooker hat sich genau diese nahe Zukunft, die wir vielleicht alle noch erleben könnten, ausgemalt. Er zeigt mit seiner Serie „Black Mirror“ die Chancen, aber vor allem die Schrecken einer Digitalisierung, die uns im menschlichen Zusammenleben jetzt schon vor enorme Herausforderungen stellt. Und uns vielleicht in Zukunft restlos überfordern könnte.

„Black Mirror“ ist eine sogenannte Anthologie-Serie. Das bedeutet: Jede einzelne Folge ist in sich abgeschlossen, hat ihre eigenen Protagonisten und spielt in einer anderen (Horror-)Vision der nahen Zukunft. Daher mutet die britische Serie auch wie eine Kurzfilm-Sammlung an, erinnert teilweise an die klassische TV-Serie „Twilight Zone“. Der Ton der einzelnen Folgen reicht von amüsanter Gesellschaftskritik bis zum markerschütternden Horror-Trip. Das verbindende Element sind die „Black Mirrors“, die schwarzen Spiegelflächen, die für uns heute schon das Fenster zur Welt sind: Monitore, Smartphones, Tablets.

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Obwohl die britische Serie mit diesem Format ein Ass aus der Hand gegeben hat - die Identifikation mit den immer gleichen Figuren - fesselt die durchschnittliche „Black Mirror“-Folge schon nach zehn bis 20 Minuten immer wieder aufs Neue. Charlie Brooker sagt, er sieht Technik als eine Art von Droge. Meistens etabliert er in den ersten Minuten jeder Folge, welche Wirkung die Technik der Zukunft auf die Menschen hat - dann folgen die üblen Nebenwirkungen.

Beispiel: In der dritten Folge der erste Staffel „The Entire History of You“ sind die meisten Menschen mit einem Implantat ausgestattet, das ihnen erlaubt, jedes persönliche Erlebnis über die Augen aufzuzeichnen und jederzeit wieder abzuspielen. Schon heute halten wir gerne jeden noch so kleinen Moment mit dem Smartphone fest. Charlie Brooker fragt uns, was denn wird, wenn wir die volle Dröhnung nehmen. Etwas unbehaglich ist es vielleicht schon, wenn der Protagonist von seinen Freunden dazu genötigt wird, Szenen aus seinem letzten Bewerbungsgespräch vorzuspielen. Wenn dieser vom Sicherheitsbeamten am Flughafen freundlich darauf hingewiesen wird, mal eben die letzten 24 Stunden seines Lebens aus Sicherheitsgründen offenzulegen, wird es dann schon gruselig. Später in der Folge wird klar: Der wahre Horror wird für den Protagonisten die Tatsache, dass er nicht mehr in der Lage ist, zu vergessen. Und dass die jederzeit verfügbare Vergangenheit ein unbeschwertes Leben in der Gegenwart zerstören kann.

Die Folge „Nosedive“ spielt in einer alternativen Realität, in der sich die Menschen nur noch über „Social Rankings“ definieren. Im Prinzip fragt uns „Black Mirror“: Was passiert, wenn wir alle wie Influencer leben? Nach jeder kleinen Interaktion bewerten sich die Menschen gegenseitig. Immer freundlich und immer interessant sein ist angesagt, denn nur das steigert die persönliche Bewertung und von der hängt nicht nur das öffentliche Ansehen ab, sondern auch beispielsweise die Finanzierungsoptionen fürs Eigenheim. Ein zuckersüßer Albtraum, der wie immer in „Black Mirror“ für die Protagonistin - zu Beginn eine ambitionierte „4,2 von 5 möglichen Punkten“ - mit einem fürchterlichen Absturz endet.

Weil die Folgen von „Black Mirror“ so verschieden sind, ist die Serie schwer als eine Einheit zu empfehlen. Es ist sogar davon abzuraten mit der allerersten Folge der Serie einzusteigen, fällt sie doch thematisch etwas aus dem Rahmen und ist eine schräge Einführung in das Serien-Universum. Neben oben genannten Folgen sind weitere Höhepunkte etwa die Episoden „USS Callister“ in der Robert Daly (Jesse Plemons, „Breaking Bad“) seine Arbeitskollegen ohne deren Wissen in sein Virtual-Reality-Spiel einbaut. In einer Art Star-Trek-Raumschiff ist er der Chef und seine simulierten Kollegen seine Untertanen. „San Junipero“ befasst sich mit der Idee des ewigen Lebens - in einer simulierten Realität. Ein spannendes Experiment ist die Sonderfolge „Bandersnatch“, bei dem der Zuschauer mit seiner Fernbedienung das Schicksal der Hauptfigur bestimmen kann. Dafür drehte die Crew rund fünf Stunden Filmmaterial, das sich in 250 Kapitel unterteilt - mit zahlreichen geheimen Enden. Für alle drei zuletzt genannten Folgen wurde die Serie mit einen „Emmy“ ausgezeichnet. Insgesamt haben die Serienmacher acht der begehrten Trophäen eingeheimst.

Vor und hinter der Kamera lässt „Black Mirror“ eine Vielzahl von Vollprofis ans Werk, die das Spektrum der Serie noch einmal erweitern. Regisseur David Slade („American Gods“) drehte in futuristischer schwarz-weiß Ästhetik (Folge „Metalhead“), Jodie Foster führte Regie in einem Drama um die technische Totalüberwachung durch eine besorgte Mutter (Folge „Arkangel“). Bekannte Gesichter tauchen immer wieder auf: etwa Jon Hamm („Mad Men“), Topher Grace („Die wilden 70er“) oder die Pop-Sängerin Miley Cyrus.

Vielleicht das stärkste Argument für „Black Mirror“: Jede einzelne Folge liefert tonnenweise Denk- und Diskussionsstoff. Nach dem Blick in den schwarzen Spiegel bleibt der Zuschauer eigentlich niemals unbeeindruckt zurück. Charlie Brookers Visionen machen ängstlich, ratlos, wütend, sie sind manchmal witzig oder begeistern. Aber niemals lassen sie den Zuschauer kalt. Denn diese Bilder aus der digitalisierten Vorhölle wirken zu nah. Nur noch einen Schritt entfernt.