Ruhrtriennale: Zola auf der Bühne: Lieben und Leiden in schmutziger Wäsche

Ruhrtriennale : Zola auf der Bühne: Lieben und Leiden in schmutziger Wäsche

Großartiger Auftakt mit Percevals Zola-Projekt „Liebe. Trilogie meiner Familie“.

Duisburg. Die Kupferarme der Suff-Erzeugungsmaschine haben sie ergriffen. Wärmend und nährend fließt der Schnaps durch ihren Körper. Gervaise gibt sich hin, beschreibt den Genuss, vertrinkt das letzte Geld und ertränkt jede Hoffnung. Ende. Diese patente Frau, Mutter von drei Kindern, Wäscherin mit eigenem Laden — wie hatte es so weit kommen können?

Als ungeliebtes Bastardkind einer Familie mit feinem Namen ist sie ins Leben gestartet. Sie gehört zu „einer langen Reihe abscheulicher Verwandter“, wie der Arzt Pascal, selbst ein Spross dieser Linie, sie nennt. Er will wissen, wie die Gene all die Hysterie, den Alkoholismus und Niedergang von Generation zu Generation übertragen.

Die Familie als gesellschaftliches Forschungsobjekt. Émile Zola hat ab 1869 für diesen Romanzyklus 20 Bände benötigt. Regisseur Luk Perceval hat für die Ruhrtriennale eine Bühnenfassung des Stoffes geschaffen. Ein mutiges Mammutprojekt, das er „Liebe. Trilogie meiner Familie“ nennt und über drei Jahre hinweg in eigenständigen Teilen zeigt.

Mit dem Auftakt ist ihm jetzt ein zweistündiger und überaus beeindruckender Theaterabend gelungen. Dem Ort des Geschehens, die ehemalige Gießhalle im Landschaftspark Duisburg-Nord, räumt er dabei eine tragende Rolle ein. Diese Suff-Erzeugungsmaschine, von der die arme Gervaise (überzeugend bodenständig und verloren zugleich: Gabriela Maria Schmeide) faselt, erscheint in der übergroßen Industriekulisse zum Greifen nah.


Perceval verliert sich nicht in Schauplätzen und Personen, er zeigt eine klug durchdachte Inszenierung mit vielen anrührenden und sprechenden Bildern. Die Arbeiterin mit guten Vorsätzen und schmutziger Wäsche um sich herum, bei der die Bluse nie ganz richtig sitzt und die sich schnell den Kopf verdrehen lässt, steht dem spröden Wissenschaftler gegenüber. Ein Mann mit Geld, den irgendwann die Leidenschaft zu seiner jungen Nichte in Armut und Verzweiflung treiben wird. Die Kinder hocken am Rand, beobachten, verinnerlichen und werden wenige Jahre später den gleichen Abwegen folgen.

Auf einer geschwungenen Rampe, die frei in die zu drei Seiten offenen Halle gebaut ist, treten Szenen und Kommentare in einen Dialog. 13 hervorragende Darsteller in zum Teil wechselnden Rollen treiben das Geschehen voran. Coupeau (Tilo Werner), der Arbeiter, erinnert sich an seine Hochzeit mit den Worten „dat Wetter war am rechschnen“ und passt sich wunderbar in die Umgebung ein.


Die Sehnsucht nach Unschuld und Reinheit, sie findet ihren Ausdruck in den weißen Laken, die hingebungsvoll gefaltet und geschüttelt werden und unter denen es für Kinder so herrlich heimelig ist. Suff und Gewalt, Liebe und Leid, Perceval erschafft viele Facetten dieser Abgründe. Dabei geht er niemals grob vor, seine Figuren haben zutiefst menschliche Züge.

Ein feiner Humor begleitet den Abend, an dem sich liebestolle Männer formvollendet in einem Seil verheddern oder alle Familienmitglieder vor Schreck erstarren beim Anblick der alten und natürlich wahnsinnigen Tante — die in Gestalt eines alten, hölzernen und unbesetzten Rollstuhls erscheint.

VorstellungenFreitag, Samstag und Sonntag, 19 Uhr.

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